Marry Backstory

KAPITEL I: EINE EINMALIGE CHANCE

Blackridge. Distrikt 19. Es hätte ein gewöhnlicher Montagmorgen an der West End Oberschule werden können, doch die 17-jährige Marry hatte etwas Waghalsiges getan, das jetzt um kurz nach acht die Aufmerksamkeit all ihrer Freundinnen im Klassenraum auf sie zieht. Sie pustet sich lässig ihren schwarzen Pony aus dem Gesicht und sitzt tief in ihren Stuhl zurückgelehnt. Beide Füße hat sie wie selbstverständlich auf dem Tisch abgelegt, an dem ihr Katana lehnt. In Blackridge sind Katanas keine Überraschung und außerdem ist ihres aus Holz. Den rechten Ärmel hat sie bis zur Schulter hochgeschoben. Denn dort befindet sich der Grund für die morgendliche Aufregung: Ein kleiner, schwarzer Kreis auf ihrem Oberarm. 

„Wow, krass. Ein echtes Tattoo!” Ihre beste Freundin Nana beugt sich etwas näher über ihren Arm. „Das ist doch echt, oder?“ Marry rollt mit ihren verschiedenfarbigen Augen, das eine grün, das andere blau. „Natürlich ist das echt. Hab die Nadel kaum gespürt!” Eine andere Mitschülerin nickt anerkennend. „Schon boss.” Marry versucht, sich ihren Stolz nicht anmerken zu lassen, kann ein leichtes Lächeln aber nicht unterdrücken und genießt die Aufmerksamkeit. „Was hat eigentlich deine Mutter dazu gesagt?“ 

Marry erinnert sich, wie ihre Mutter ihr Tattoo sofort mit einer saftigen Backpfeife beantwortet hatte. Danach folgte die übliche Standpauke, in der die Worte „erst siebzehn!”, „genau wie dein Vater”, „und immer diese Raufereien…”, fielen. 

„Temporäre Meinungsverschiedenheit”, beantwortet Marry die Frage ihrer Mitschülerin. „Ich bin gespannt, wie Zero darauf reagiert”, sagt eine andere Mitschülerin, woraufhin sich Marrys Haltung schlagartig ändert. Sie packt das Mädchen am Kragen. „Ich hab mir das nicht für irgendein Zero gestochen, klar?”
Doch als die Lehrerin schlussendlich den Klassenraum betritt, lässt Marry von ihrer Mitschülerin ab und die kleine Traube um Marrys Tisch löst sich auf. Alle verschwinden auf ihren Plätzen. Der Unterricht hat gerade begonnen, da öffnet sich die Tür ein weiteres Mal und Zero kommt herein. Zu spät, wie so oft, und trotzdem mit der Gelassenheit eines Menschen, der noch nie in seinem Leben gerannt ist. Marry kann nicht genug von seinem Anblick bekommen: Sein Shirt, das nur halb in der Hose steckt, die Tattoos, die sich über seine Arme ziehen und die schwarzen Haare, die aussehen, als wären sie ihm egal und trotzdem perfekt liegen. 

„Du bist zu spät, mahnt die Lehrerin. „Okay”, antwortet Zero beiläufig und setzt sich auf seinen Platz, in der Sitzreihe direkt vor Marry, von wo sie ihn durch die Reflexion der Fensterscheibe unauffällig weiter beobachtet. Sie findet, dass er mit dem kleinen Pflaster unterm Auge heute besonders gefährlich und attraktiv aussieht. 

Plötzlich dreht Zero sich um und entdeckt das kleine Kreis-Tattoo auf Marrys Arm. „Oh wow, Marry. Du hast jetzt auch ein Tattoo.” Marry blickt an ihrem Arm herunter. „Das? Ja. Hab ich halt.” „Sieht gut aus.” Zero grinst und hält seinen eigenen tätowierten Arm daneben. „Jetzt passen wir voll zusammen. Du und ich.” Plötzlich fällt warmes Sonnenlicht durch die Fenster. „Partners in Crime”, führt er begeistert fort. Ein Wind fegt durch den Raum, obwohl alle Fenster geschlossen sind. Er bläst durch Marrys weißes Haar und bringt ihre schwarzen Pony besonders zur Geltung. Zero kommt ihr bei diesem Anblick auf einmal ungewöhnlich vertraut vor. „Marry, ich wollte dich schon länger was fragen.” „Huh?“ „Willst du vielleicht… mit mir ausgehen?” 

KLACK! Ein Stück Kreide knallt gegen Marrys Kopf. Das Sonnenlicht ist weg. Der Wind auch. „Hör auf zu träumen, Marry! Der Unterricht findet hier vorne statt!”, ruft ihre Lehrerin. Marry schaut zu Zero rüber. Er sitzt mit dem Rücken zu Marry und hat sich kein einziges Mal zu ihr umgedreht. Sie hatte sich schon unzählige Male vorgestellt, wie Zero und sie sich näher kommen. Jede erdenkliche Art des Anbandelns war dabei. Marry seufzt ihrem Tagtraum hinterher. 


Als die Stunde vorbei ist, springt Marry sofort auf. Sie sieht, wie Zero nach seiner Tasche greift, doch sie ist schneller. Noch bevor er aufstehen kann, hat sie sich mit einem kleinen Hops auf die Kante seines Tisches gesetzt. Ihr Ärmel ist hochgekrempelt und der kleine schwarze Kreis auf ihrem Arm ist kaum zu übersehen.

„Hm?” Zero wirkt nicht sonderlich beeindruckt. Marry lehnt sich etwas zurück. „Ach so. Das hat übrigens gaaar nicht wehgetan.“ Sie dreht ihren Arm noch etwas weiter zu ihm, nur für den Fall, dass er das Tattoo noch nicht bemerkt hat. Zeros Blick fällt kurz auf das Tattoo. „’N Kreis…” „Meine Mutter hat mich deswegen übrigens rausgeworfen. Leb jetzt erstmal bei meiner Oma. Strategischer Rückzug, würde ich sagen.” „’Kay.“”„Na ja, also, rausgeworfen ist vielleicht das falsche Wort. Ich bin jetzt nicht obdachlos oder so”, entkräftet Marry ihre eigene Aussage, nachdem sie nicht die erhoffte Wirkung erzielt hat. „Hab ich auch nicht gedacht.” „Gut.” Marry zupft beiläufig an ihrem Ärmel. „Weil ich könnte jederzeit zurück, wenn ich wollte.” Zero antwortet nicht. „Du bist heute aber still.”“ „Bin ich meistens.”“ Marry wendet den Blick von ihm ab und sucht nach den passenden Worten. „Ja, schon, aber es ist halt echt schwer, ein Gespräch am Leben zu halten, wenn sich eine Person kaum beteiligt. Was jetzt übrigens gar keine Kritik sein soll, aber… huh?” Marry hält inne. Vor ihr ist niemand mehr. Zero hat das Klassenzimmer bereits verlassen und geht den Flur entlang. Marry sieht ihm hinterher. „Verdammter Drecksack.” 


Marry verbringt die Pause wie so oft mit ihrer besten Freundin Nana. Beide sitzen auf einer niedrigen Mauer am Rand des Schulhofes. „Ich sag ja nicht, dass es Spirit Animals nicht gibt”, meint Nana. „Aber wie wahrscheinlich ist es bitte, dass man in seinem ganzen Leben eins sieht? Vielleicht irgendwelche Stars oder krass reiche Typen oder so.” Marry überlegt kurz. „Schon crazy. Ich würd gern ’nen Regenwurm haben.” Nana verzieht angewidert das Gesicht. „Bah, wieso einen Regenwurm?” „Na, wenn ich den in der Mitte durchslice, hab ich zwei Spirits.” Nana starrt sie an. „Warum nicht wenigstens was Süßes? ’Ne kleine Katze oder so?” Marry schüttelt angewidert den Kopf. „Bah, ne. Ich hasse süße Tiere. Eigentlich hasse ich alles, was pelzig ist.” „Du bist echt komisch.” „Sagt die Richtige.” 

Bevor Nana darauf antworten kann, wird es ein paar Meter weiter plötzlich laut. Ein Schüler packt einen anderen Jungen an der Jacke und drückt ihn gegen eine Tischtennisplatte. Marry springt von der Mauer auf. „Juchuu, Fetzerei!”, ruft sie und rennt los. Nana folgt ihr weniger euphorisch in Richtung des Geschehens. Innerhalb weniger Sekunden schart sich um die Streitenden der übliche Halbkreis aus Schaulustigen, die ihren jeweiligen Favoriten laut anfeuern. Einer der raufenden Jungs stößt sein Gegenüber von sich. Beide heben die Fäuste. Doch als sie gerade aufeinander losgehen wollen, wird es plötzlich still um sie herum. Jemand hat sich aus der umstehenden Menge gelöst und tritt zwischen die beiden. Zero. Ein kurzer, kühler Blick von ihm reicht, und die Streiterei ist beendet, kaum dass sie begonnen hat. 

Zero ist an dieser Schule ein Name, den jeder kennt. Wenn er auftaucht, verändert sich die Stimmung. Vor allem bei den Mädchen ist er beliebt. Mit jedem Gang durch den Schulflur zieht er sämtliche Blicke auf sich, inklusive der Flüstereien und dem viel zu offensichtlichen Gekicher. Zero selbst scheint davon kaum etwas mitzubekommen. Oder es interessiert ihn schlichtweg nicht. 

Bei den Jungs ist es ähnlich. Viele bewundern ihn und wünschen sich, mit ihm abzuhängen. Der Respekt kommt nicht von ungefähr: Denn Zero ist Teil der berüchtigtsten Gang in Distrikt 19: den Kenshos. Niemand legt sich mit ihnen an. 

Deshalb ist es auch wenig verwunderlich, dass sich die Menschentraube, die sich eben noch um die streitenden Schüler gebildet hat, mit Zeros Einschreiten auflöst. Marry beobachtet Zero beim Weggehen. „Hmm. Vielleicht muss ich ihn mit meinem Holzkatana einfach K.o. hauen und dann bei mir zu Hause gesund pflegen”, denkt Marry laut. Nana mustert Marry irritiert. „Klingt ja noch radikaler als die Sache mit dem Fahrrad...” 


Marry muss unweigerlich an die besagte Aktion zurückdenken. Gerade einmal zwei Wochen ist das her, als Marry sich vor Schulbeginn in einem Gebüsch auf die Lauer gelegt hatte. Bewaffnet mit einem Stock, wartete sie, dass Zero mit seinem Fahrrad vorbeifuhr. „Jetzt oder nie”, sagte Marry, um sich selbst anzuheizen. Dann riss sie den Arm nach vorn und jagte den Stock wie ein Wurfgeschoss mit voller Wucht durch die Luft. Fast zwanzig Meter lagen zwischen ihr und Zero, doch der Stock landete präzise zwischen den Speichen seines Fahrrads. Zeros Fahrrad überschlug sich und er stürzte zu Boden. Marry war natürlich vorbereitet. Mit einem Erste-Hilfe-Set und einem Fahrradreparaturset wollte sie gerade zu ihm los eilen, da schossen aus drei verschiedenen Ecken drei andere Schülerinnen hervor, um den am Boden liegenden Zero zu verarzten. Marry blieb fassungslos stehen und gab sich für diese Runde geschlagen.


Zurück auf dem Schulhof bei Nana zuckt Marry mit den Schultern: „Naja, immerhin besser als das mit dem Portemonnaie.” 


Einen Monat zuvor hatte sie Zero auf dem Nachhauseweg aufgelauert. Als er gerade vor einem Getränkeautomaten stand und bezahlen wollte, sprang Marry mit Sturmmaske direkt hinter ihn und schrie mit verstellter Stimme: „Keine Bewegung! Das ist ein Überfall! Gib mir dein Portemonnaie, na los!” Mit seiner üblichen Gleichgültigkeit hielt er ihr seine Brieftasche hin. Marry schnappte sie sich und machte sich aus dem Staub. Am nächsten Tag präsentierte sie ihm voller Stolz sein Portemonnaie. „Guck mal, hab ich auf der Straße gefunden.” Doch Zero zeigte keinerlei Interesse daran. „Kannst du behalten. Hab ein neues.”


Nana verdreht die Augen: „Vielleicht versuchst du es einfach mal mit fragen?” „Hab ich schon”, protestiert Marry. Und tatsächlich: Einen halbwegs normalen Versuch hatte es gegeben. Zumindest hatte er normal angefangen. 


Ein knappes halbes Jahr zuvor hatte Marry in einer Arcade-Spielhalle genug Punkte erspielt, um sich erstmals einen großen Gewinn auszusuchen. Die Wahl zwischen einem riesigen, fluffigen Kuscheltier und einer kleinen goldenen Münze fiel Marry natürlich leicht, denn flauschige Tiere konnte sie auf den Tod nicht ausstehen. Die Münze war schwer, aus echtem Metall. Als sie sie hochhielt, las sie darauf das Wort ‘Kiss’. Auf beiden Seiten. 

Am nächsten Schultag lief Zero ihr über den Weg. „Hey Zero, hast du Bock auf‘n total lustiges Spiel? Hier!” Sie holte die Münze hervor. „Also, wenn dieser Coin auf Kiss landet… dann…” „Auf beiden Seiten steht Kiss, oder?”, unterbrach er sie trocken. Marry fühlte sich maximal ertappt. Nach einem kurzen Moment des unangenehmen Schweigens drehte sie sich einfach um und ging wortlos weg. 


Nana schüttelt den Kopf. „Nein, ohne Tricks oder ‘nem dummen Coin. Einfach fragen, wie ein normaler Mensch. Ob man mal miteinander abhängt.” 

Als die Schule am späten Nachmittag aus ist, macht Marry sich wie jeden Montag auf den Weg zur Schwertkampfschule. Mit ihrem Trainingskatana aus Holz auf den Rücken geschnallt geht sie die Straße entlang, da entdeckt sie Zero allein an einer Kreuzung, die Tasche locker über die Schulter geworfen. Marry wird langsamer. „Na gut. Einfach…fragen.” Sie geht zu ihm. „Hey.” Zero sieht zu ihr. „Hey.“ Marry bleibt neben ihm stehen. „Ich hab gleich Schwertkampf.“ „Cool.” Die Ampel springt auf grün und beide gehen los. „Würd’s dir was ausmachen, mich ‘n Stück zu begleiten?” Zero sieht sie nicht an. Marry redet direkt weiter. „Nur begleiten. Musst jetzt nicht mitkommen und mir dabei zuschauen, wie ich die anderen im Trainingskampf vermöbel. Einfach nur ‘n paar Schritte zusammen gehen.” „Okay.” Marry nickt. „Ja, dachte ich mir. Ist auch zu spontan. Vielleicht ein anderes Ma…warte, was? Du begleitest mich?” „Jup” „Okay. Cool.”  

Marry geht los. Zero hinterher. Sie muss sich zusammenreißen, nicht die ganze Zeit zu grinsen. „Ich mach das übrigens schon seit ich klein bin”, erzählt sie nach einer Weile. „Schwerttraining?” „Nee, Leute vermöbeln. Aber Schwerttraining auch”, grinst Marry. Zero nickt. „Funny…” „Meine Mutter hat mich da angemeldet, als Ventil für meine angeblichen Aggressionen. Dabei habe ich mich nie geprügelt, weil ich wütend war, sondern immer aus Spaß. Mittlerweile liebe ich das Training.” „Cool.” „Man kann mit dir wirklich hervorragend reden, Zero”, sagt Marry und lächelt. „Hm.” Sie erzählt von ihrem Vater, der ihr seine neue Adresse nicht verrät, einem Priester, der behauptet, sie sei der Grund, warum er wieder mit dem Rauchen angefangen hat und von dem örtlichen Altersheim, in dem sie Hausverbot hat.

„Aber genug von mir. Sag du mal, Zero. Wie ist das eigentlich so in der Kensho Gang zu sein?” Eine Frage, die Marry schon länger beschäftigt. In Blackridge träumen viele Jugendliche davon, eines Tages in einer berüchtigten Gang zu landen. Auch Marry hat sich das schon oft vorgestellt, seit sie ein Kind war. Keine langweiligen Regeln, keine festen Strukturen. Sie machen ihr eigenes Ding und leben nach ihren eigenen Gesetzen. 

Zero denkt kurz über ihre Frage nach, als ließe sich die Antwort nicht mit einem Wort abhaken. Er schaut zu ihr rüber, doch bevor er antworten kann, reißt das Geräusch von quietschenden Autoreifen die beiden aus dem Moment heraus. Danach ein dumpfer Schlag. Direkt hinter ihnen. Ein Mann wird zu Boden geschleudert. Der schwarze Wagen mit den getönten Scheiben, der den vermeintlichen Unfall verursacht hat, rast weiter. „Scheiße!“, ruft Zero und läuft sofort los zum am Boden liegenden Mann, der sich verletzt auf der Straße regt. 


Marry steht am Bürgersteig und weiß vor Überforderung nicht recht, was sie tun soll. Zero geht neben dem Mann auf die Knie. „Kami! Scheiße, geht’s dir gut?” “„Du kennst ihn?”, ruft Marry überrascht zu ihm rüber und erkennt die charakteristische Kensho-Kleidung des Verletzten. Da hört sie auf einmal wieder das Reifenquietschen. Sie schaut auf die Straße und sieht, wie das Auto einen U-Turn macht und zurückfährt. „Achtung Zero! Sie kommen zurück!” Zero blickt hoch. Das Auto bremst, steigen drei Männer aus, sie haben Katanas am Rücken. Einer von ihnen ruft aggressiv: „Das werden wir euch heimzahlen! Ein Mann für einen Mann!” Die drei Männer marschieren auf Zero und Kami zu. Einer von ihnen zückt seine Klinge, doch bevor sie ankommen, springt Marry dazwischen. Mit ihrem Holzkatana in der Hand holt sie aus und mit zwei geschickten Treffern gegen Bein und Kopf geht der erste zu Boden. Der Überraschungsmoment gehört ihr. Die beiden anderen ziehen ihre tödlichen Klingen und schlagen nach ihr. Marry kann gerade noch so ausweichen, sodass die Schwertspitze des einen Angreifers knapp an ihrer Wange entlang streift und nur einen kleinen Schnitt hinterlässt. Marry lenkt dabei den Schlag um, sodass sie damit das Schwert des anderen Angreifers blocken kann. Sie haut ihren Griff mit voller Wucht in den Bauch des einen und die Holzklinge ins Gesicht des anderen. Nach einer Drehung und zwei weiteren präzisen Treffern liegen schließlich alle drei am Boden. 

Zero sieht Marry einen Moment verblüfft an. „Okay… das war krass”, sagt er. Marrys Körper ist von Adrenalin durchströmt, sodass sie kein Wort hervorbringt. Auch wenn sie in ihrer Kampfschule zu den Besten gehört, war sie noch nie in einer echten Kampfsituation um Leben und Tod. Zero richtet seine Aufmerksamkeit wieder auf Kami. Der hat inzwischen das Bewusstsein verloren. „Kami, wach auf!” 

Er klatscht ihm gegen die Wange. Keine Reaktion. Zero packt Kami an den Schultern. „Los, Marry. Hilf mir. Wir müssen ihn ins Krankenhaus bringen!”

 

KAPITEL II: PARTNERS IN CRIME

Wenig später warten Marry und Zero im Flur der Notaufnahme. Während Zero an der Wand lehnt, geht Marry ungeduldig vor ihm auf und ab. Nach ein paar Minuten hebt Zero den Kopf. „Kannst du aufhören?“ „Womit?” „Laufen.” „Ich denke nach“, sagt Marry. „Zu laut”, antwortet Zero. „Ich sag doch gar nichts.” „Deine Füße”, erwidert Zero genervt. Marry schaut herunter auf ihre Schuhe und stellt sich schließlich neben ihn an die Wand. Einige Sekunden schweigen beide. „Du wolltest wissen, wie es bei den Kenshos ist?”, unterbricht Zero die Stille. Marry nickt Zero mit erwartungsvollen Augen zu. „Weißt du, Marry, das Gangleben ist nicht für jeden was. Du musst wissen…”, doch dann hält er inne, schubst sie auf einmal mit einem kräftigen Stoß von sich weg, direkt in ein offenes Zimmer neben ihr und schlägt die Tür zu. Es ging so schnell, dass Marry noch gar nicht realisiert, hat was gerade passiert ist. Sie befindet sich in einem Patientenzimmer. Vorsichtig öffnet sie die Tür einen kleinen Spalt, sodass sie hindurchschauen kann. Da sieht sie fünf Männer, die dieselben auffälligen Klamotten tragen, wie Kami sie trug. „Noch mehr Kenshos”, flüstert Marry zu sich selbst. Jetzt versteht sie, dass Zero sie vor den Kenshos verbergen wollte. Warum, wird seine Gründe haben. 

Die Männer marschieren energisch durch den Flur, auf Zero zu. Einer von ihnen geht voraus. „Was ist passiert?”, fragt er. „Die Hachis… hatten es auf Kami abgesehen. Die kamen aus dem Nichts, Slicer.” „Am hellichten Tag?! Die Hachis wissen wohl nicht mehr, wo ihre Grenzen liegen! Wollen die einen offenen Krieg provozieren, oder was?!”, wirft ein aufgebrachter Kensho ein. Slicer hingegen spricht weiter zu Zero. „Wie steht’s um Kami?”, fragt er. „Knapp mit dem Leben davongekommen, aber wird ‘n paar Wochen hier bleiben müssen.” Slicer wirkt misstrauisch. „Wieso haben sie es nicht zu Ende gebracht?” „Jemand kam ihnen dazwischen”, sagt Zero. Slicer schaut ihn ungläubig an. „...Du??” Zero antwortet nicht. „Wie viele Hachis waren’s?” „Drei.”, entgegnet er. „Wenn das mal keine Überraschung ist”, sagt Slicer und mustert Zeros unversehrtes Gesicht. „Haben bekommen, was sie verdient haben.” „Hätte ich dir gar nicht zugetraut, Zero.” Er versteht es als Lob und lächelt leicht. Das erste Mal, dass Marry Zero lächeln sieht. Das bringt sie ebenfalls zum Lächeln. Einer der anderen Kenshos mischt sich in das Gespräch ein: „Und was ist jetzt mit Kamis Auftrag?”, fragt er. „Scheiße, du hast Recht. Der Boss wird uns den Arsch aufreißen”, sagt ein weiterer. „Daigo duldet keine Misserfolge.” „Und die Hachis? Wir können diese Provokation nicht einfach auf uns sitzten lassen.“ „Ich kann das machen”, mischt Zero sich ein. „Was? Dich um die Hachis kümmern?” „Nein. Kamis Auftrag. Ich erledige das.” „Du weißt doch gar nicht, worum es da geht.” „Egal, wenn Kami es geschafft hätte, dann schaff ich das auch.” Die Kenshos gucken sich gegenseitig an, als würden sie überlegen, ob Zero der richtige dafür ist. Einer nickt Slicer kaum merklich zu. Der reagiert mit einem leichten Grinsen: „Hmm, ist vielleicht ‘n Versuch wert. Was meinst du?” „Klingt wie ‘ne Chance für Zero, sich zu beweisen”, sagt der Kensho und erwidert ein besonders schmieriges Grinsen. 

Marry freut sich. Immerhin ist sie der heimliche Grund dafür, dass Zero diese scheinbar einmalige Chance geboten wird. Und sie darf diesen besonderen Moment live miterleben, wenn auch nur durch einen Spalt. Doch das ändert nichts daran, dass sie eine positive Aufregung dabei verspürt, ein Gang-Gespräch zu belauschen. Die Kenshos gehen ab. Und Zero mit ihnen. Ein leises Stöhnen hinter Marry lässt sie ihren Blick vom Türspalt abwenden. Sie dreht sich um. Erst jetzt bemerkt sie den Patienten, der hinter ihr im Bett liegt und sie anstarrt, als wäre Marry seine persönliche Schlafparalyse. „Sie haben nichts gehört, klar?” Dann bemerkt Marry die Verbände um seine Ohren und ist erleichtert, dass er wohl wirklich nichts gehört haben kann. Sie verlässt den Raum und rennt fast in einen Kensho rein, der vor Kamis Zimmer als Wache zurückgelassen wurde. Er wirft ihr einen kurzen, uninteressierten Blick zu. Marry geht an ihm vorbei und denkt sich: „Hehe, Undercover Agentin Marry Twyne!” 


Zu Hause angekommen, versucht Marry möglichst unauffällig an ihrer Oma vorbeizuschleichen. „Nicht so schnell, Marry.” Marry friert mitten in der Bewegung ein. Ihre Oma sitzt am Küchentisch und deutet auf den freien Stuhl gegenüber. „Komm, setz dich, mein Schatz.” „Ich hab nichts gemacht.” „Hab ich auch gar nicht gesagt.” 

Marry setzt sich schließlich. „Okay, dann sind wir uns ja einig.” Ihre Oma mustert die Schramme in Marrys Gesicht. „Marry, was ist denn mit deinem Gesicht?” „Weißt du doch, Oma. Hab Heterochromie, zwei verschiedene Augenfarben. ” „Nein, ich meine die Schramme an deiner Wange.“ „Achso. Ehm…ach, hab nur jemandem geholfen.” Ihre Oma mustert sie. „Und? War er’s wert?” Marry schaut überrascht auf. „Woher weißt du, dass es ein ‘Er’ ist?” „Kindchen. Ich war auch mal siebzehn.” Sie schiebt ihr den Teller rüber. „Tu mir nur einen Gefallen: Lauf niemandem hinterher, der nicht dasselbe für dich tun würde, wie du für ihn.”

Marry wird für einen Moment still. „…Mach ich nicht.” Ihre Oma lächelt. „Iss, mein Schatz.” Marry zieht wortlos eine kleine Kapsel von ihrem Schlüsselanhänger. Darin befindet sich extrem scharfes Chilipulver. Sie kippt sich eine völlig absurde Menge davon übers Essen.

Später liegt Marry auf ihrem Bett und kann an nichts anderes denken als an den ereignisreichen Tag mit Zero. Schließlich hat sie ihm geholfen. Und nicht nur irgendwie. Dank ihr konnte er sich vor seiner Gang beweisen und hat dadurch sogar einen größeren Auftrag bekommen. Morgen würde er sich bestimmt bei ihr bedanken und sich ihr gegenüber noch mehr öffnen als bisher. „Vielleicht frag ich ihn nach einem Date”, denkt sie. „Kein Date-Date. Einfach irgendwohin. Arcadehalle vielleicht. Irgendwas, das man im Nachhinein problemlos als Date bezeichnen kann, falls es gut läuft.” 

Am nächsten Tag in der Schule ist Marry ganz aufgeregt. In den ersten Stunden haben Marry und Zero keine gemeinsamen Kurse, aber Marry kann nicht aufhören, ihren Freundinnen zu erzählen, wie eng sie und Zero nun geworden sind. „Zero und ich, da ist ’ne Connection. Ich weiß, für euch ist er nur dieser mysteriöse Gang-Typ, der nur drei Wörter am Tag redet. Aber ich sag euch, da steckt mehr dahinter. Der hat Layers.” Dann entdeckt sie ihn endlich. Er geht den Schulhof entlang, scheinbar in ihre Richtung, sodass Marry sich auch sofort auf ihn zu bewegt. Sie streicht sich durch die Haare. Marrys Freundinnen halten ein Stück Abstand, aber bleiben nahe genug, um alles mitbekommen zu können. Marry hebt lässig die Hand. „Yooo! Also, gestern war ja mal komplett geisteskra…” Zero lässt nur ein kaltes „Hey” raus und geht an ihr vorbei, als wäre gestern nichts gewesen. Marrys Hand bleibt kurz in der Luft hängen. Sie sieht ihm nach, dann zu ihren Freundinnen. Nana verzieht das Gesicht. „Uff… das war schmerzhaft.” 

„Was in den sieben Höllen? Vielleicht ist er einfach zu müde. Vielleicht hat er mit den Kenshos noch die ganze Nacht die andere Gang hochgenommen. Oder vielleicht hatte er einen Schlaganfall und hat alles vergessen? Alles andere würde bedeuten, dass dieser emotional verkümmerte Drecksack mich gerade absichtlich ignoriert hat!” Marrys Gedanken überschlagen sich. Sie dreht sich um und sieht, dass Zero Richtung Schulhofausgang geht. „Gut. Das klären wir jetzt sofort”, sagt sie. Doch gerade als sie losgehen will, wird sie davon abgehalten, da sich von rechts langsam jemand mit einem breiten Grinsen vor ihr Gesicht schiebt. Viel zu nah.

„MAAARRY!“ ruft Tatsuya ihr mit einer hohen Kopfstimme entgegen. ein schmales schwarzes Diktiergerät in seiner Hand. „Dich hatte ich noch nicht”,Marry sieht ihn an. „Wirst du auch nie.” Ihr Blick richtet sich wieder auf Zero. „Komm schon, ich will dir nur ein paar Fragen stellen.” „Verpiss dich, Tat-Loser”, erwidert Marry und will an ihm vorbei, aber Tatsuya versperrt ihr den Weg. „Du kannst mich so oft so nennen, wie du willst. Der Name wird sich niemals durchsetzen.” Ein anderer Schüler läuft an den beiden vorbei und ruft: „Morgen, Tat-Loser!” Tatsuya ballt die Faust. „Verdammt.” Sofort hält er demonstrativ sein Diktiergerät wie ein Mikrofon vor ihr Gesicht. „Fünf Minuten.“ „Hab ich nicht”, antwortet Marry genervt. „Dann eine. Ein wahrer Investigativjournalist lässt sich von Widerstand nicht einschüchtern.” „Deine Artikel in der Schülerzeitschrift waren immer scheiße”, kontert Marry. „Aber ich bin kein Schüler mehr.“ „Ja genau, du dürftest überhaupt nicht mehr hier sein.” „Die Wahrheit braucht mich. Dafür muss man über Grenzen gehen.” Marry sieht, wie sich eine andere Schülerin zu Zero gesellt hat. Erneut versucht sie an Tatsuya vorbeizukommen. Erneut stellt er sich ihr in den Weg und ruft etwas zu euphorisch: „Es geht um Lora.” Marrys Blick löst sich kurz von Zero. Tatsuya wird ernster. „Ihr Tod wurde nach nicht mal zwei Tagen abgehakt. Keine richtige Untersuchung. Findest du das nicht komisch?” „Es war Selbstmord“, antwortet Marry genervt. „Das behauptet die Polizei.” „Das behauptet jeder.” Tatsuya senkt die Stimme. „Dann erklär mir doch mal, warum Lora zwei Tage vorher noch Pläne fürs Wochenende gemacht hat. Und vor allem…” Marry blickt erneut an ihm vorbei. Zero ist verschwunden. Sie dreht sich zu Tatsuya zurück, die Wut steht ihr ins Gesicht geschrieben. „DU VERDAMMTER LOSER, MANN! DU HAST ES VERSAUT!” Sie schubst ihn hart zur Seite und sprintet Richtung Schulausgang. Tatsuya spricht sofort ins Diktiergerät. „Marry Twyne. Verweigert jegliche Aussage. Wird beim Thema Wochenendplanung auffällig aggressiv.” 


Marry verlässt mit energischen Schritten das Schulgelände in die Richtung, in der sie Zero vermutet. Doch sie sieht ihn nirgends. Sie rennt die Straße herunter bis zur nächsten Kreuzung, aber auch dort findet sie ihn nicht. Nach einigen Minuten gibt sie frustriert auf. Er ist weg. „Na toll.” Sie setzt sich auf eine niedrige Mauer neben dem Gehweg und fängt langsam an, Zero zu beleidigen. „Dreckskerl. Tut so, als gäbe es mich nicht … Was ein Arsch…”, als auf einmal eine Stimme hinter ihr ertönt. „Hey.” Marry blickt auf. Zero steht vor ihr. „Zero! Du auch hier? Ich dachte, du wärst weg.” Marry will sich nicht anmerken lassen, dass sie wegen ihm hier ist, doch Zero konfrontiert sie: „Bist du mir etwa gefolgt?” „Ehm… warum ignorierst du mich so? Gestern war doch krass!” „Is besser für dich. Glaub mir.” „Wieso? Wegen dem Auftrag von Kami?” „Hast du gelauscht?” „Naja, war ja kaum zu überhören. Außerdem… warum hast du den Auftrag überhaupt bekommen?” Marry richtet sich ein wenig stolzer auf. „Könnte da eventuell jemand nachgeholfen haben?” Zero mustert sie kurz. „Hm. Hast schon was auf’m Kasten.” Marry wartet. „Uuuund?” „Kannst vielleicht wirklich hilfreich sein. Als Rückendeckung.” Marrys Augen werden größer. „Warte. Du willst mich dabeihaben?” Zero verneint es nicht. „Im Westen gibt’s ’ne Gang. 7 Cycles. Die haben vor ein paar Tagen einen Kensho überfallen und ihm was Wertvolles gestohlen. ‘N Kompass. Ich hol ihn zurück und sorge dafür, dass sie sich nicht nochmal mit den Kenshos anlegen.” Marry kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Wow. Partners in Crime. Genau wie du neulich zu mir gesagt hast.” Zero sieht sie an. „Hab ich nie gesagt.” 

Marrys Grinsen friert ein. „Shit. Stimmt. War ein Tagtraum.” Kurze Stille. Marry springt von der Mauer. „Okay! Worauf warten wir?” 

Eine knappe Stunde später stehen sie am Rand von West Yoko. Marry war noch nie hier, denn der Ort wird von den meisten gemieden. Früher verlief hier eine Schwebebahnstrecke, heute rosten die hoch gelegenen Schienen zwischen zwei Stadtteilen vor sich hin. Ein alter Wasserturm ragt hinter den Plattenbauten auf und dazwischen liegt ein großer Betonplatz. Marry spürt dieses Kribbeln, das sie sonst kurz vor einem Turnier bekommt. Es ist aber keine Angst, sondern vielmehr die Vorfreude darauf, einem anspruchsvollen Gegner in die Augen zu schauen. 

Zero bleibt stehen. „Da.” Marry folgt seinem Blick und entdeckt sieben Gestalten, die auf dem sonst leeren Platz herumlungern. Doch sie staunt nicht schlecht. Marry hatte Katanas erwartet. Motorräder. Vielleicht einen Typen mit Spirit Animal. Stattdessen stehen dort sieben Jugendliche mit Fahrrädern. Einer hat sogar einen Korb vorne dran. Es ist ein fast lächerlicher Anblick. Keiner ist älter als 17. Marry schaut zu Zero. „Das sind die 7 Cycles? Das sind doch nur Kids wie wir.” „Sieht so aus.” Zero wirkt fast etwas erleichtert. „Bleib hier. Mach ich schnell.” Zero geht los. „Will er sich etwa vor mir beweisen?” Marry mag den Gedanken. Sie lehnt sich zurück und beobachtet, wie er auf die unbedrohliche Gruppe zuläuft und einige Meter vor ihnen stehen bleibt. „Ihr habt was, das uns gehört.” Einer der Jugendlichen steigt von seinem Fahrrad und mustert ihn mit einem schiefen Grinsen. „Oh, guck mal, Ghost! Hoher Besuch”, sagt einer der Jungs zum Anführer der Bande. Marry stößt einen verächtlichen Laut aus: “Pfff! Ghost? Was denkt der Bubi, wer er ist?”  „Niemand beklaut die Kenshos”, sagt Zero bestimmend. „Wir haben nichts von euch”, sagt Ghost. Zero seufzt. „Macht’s nicht komplizierter als es ist.” Einer der Cycles wirft seinen Freunden einen belustigten Blick zu. „Hörst du das, Ghost? Der Kensho droht uns.” „War keine Drohung. Noch nicht.” Marry hebt anerkennend die Augenbrauen. Okay. Das war ziemlich cool. Doch auf einmal schlägt Ghost Zero ohne Vorwarnung mit der Faust ins Gesicht. Marrys Augenbrauen sinken wieder. 

Zero taumelt einen Schritt zurück, fängt sich und schlägt den Angreifer nieder. Doch bevor er nachsetzen kann, packt ihn jemand von hinten. Zero reißt sich los, direkt in den Tritt des nächsten. Ein Dritter schubst ihn weiter und der Vierte empfängt ihn mit einem Fahrradhelm gegen den Kopf. Marry beobachtet das von der Mauer.  „Okay… Teamwork können die.” Zero versucht wieder hochzukommen, aber die Cycles lassen ihm keine Sekunde. Sobald er einen erwischt, zieht ihn ein anderer zurück. Einer lenkt ihn ab, zwei greifen gleichzeitig von der Seite an und plötzlich liegt Zero auf dem Asphalt. Marry verzieht das Gesicht. „Das läuft ja beschissen.” Zwei Cycles heben ein Fahrrad an, bereit es auf Zero zu werfen. Marry zieht ihr Holzschwert. „Reicht jetzt.” Noch bevor die beiden das Fahrrad auf Zero werfen können, haut Marry sie um. Die anderen gehen sofort auf sie los und Marry muss ausweichen. Ein paar gezielte Treffer kann sie verteilen, bevor einer der Jungs sich plötzlich aus dem Nichts auf sie stürzt und sie zu Boden zieht. “Wo kam der denn her?”, fragt sich Marry. Ein anderer Jung tritt nach ihr, doch Marry rollt sich rechtzeitig aus der Zielbahn. Flink ist sie wieder auf den Beinen und teilt nun richtig aus. Nach ein paar eingesteckten Schlägen hat Marry die Jungs alle auf den Boden neben ihre Fahrräder befördert. Zero kriecht unter einem Reifen hervor. „Hatte alles unter Kontrolle.” „Du hattest fast ’n Fahrrad auf dir.” Zero ignoriert sie und beginnt die Sachen der Cycles zu durchsuchen. Schließlich zieht er einen alten Kompass aus der Jackentasche von Ghost und hält ihn triumphierend hoch. „Da!”, sagt Zero mit blutender Lippe. Ghost richtet sich mühsam auf. „Ey! Gib den zurück! Der gehört mir, du Arschloch!“ Marry schaut zum Kompass. Dann zu Zero. „…Interessanter Auftrag.” Zero steckt die Beute ein und geht los. „Auftrag erledigt.”

 

KAPITEL III: DER PREIS DER ZUGEHÖRIGKEIT 

Auf dem Rückweg malt sie sich bereits aus, wie das Kensho Lager wohl aussieht. Vielleicht lernt sie sogar diesen Daigo, den Kensho-Boss kennen. Vielleicht sagt Zero vor seinen Leuten, dass sie die 7 Cycles gemeinsam erledigt haben. Technisch gesehen wäre das eine großzügige Formulierung, aber Marry wäre bereit, ihm die Hälfte zu schenken. Kurz vor einer Schwebebahnstation bleibt Zero stehen. „Ab hier geh’ ich allein.“ „Ich dachte, ich komm mit”, wundert Marry sich. „Besser nicht.” Er erklärt ihr, solange niemand wisse, wer sie ist, könne sie aus dieser Welt jederzeit wieder verschwinden. Marry versteht darin vor allem eines: Zero will sie beschützen. „Du hältst mich also geheim.“ „So ungefähr.” Marry nickt zufrieden. „Find ich irgendwie … hot.” Zero gibt ihr einen kleinen Stoß gegen die Schulter. „Geh heim.” 

Er geht davon. Marry bleibt zurück und schaut ihm hinterher. Vielleicht ist es sogar besser so. Kleine Geheimnisse. Gemeinsame Missionen. Er beschützt ihre Identität, sie beschützt ihn vor sieben Fahrradfahrern. Eine außerordentlich gesunde Grundlage für eine Beziehung. Sie schaut zur Straße, die in die entgegengesetzte Richtung führt. Das wäre ihr Heimweg. Marry schaut wieder dorthin, wo Zero entlang ist und zögert, denn die Neugierde in ihr lässt ihr keine Ruhe. „Hm. Okay, ich sollte jetzt nach Hause gehen. Ihm zu folgen wäre auch total creepy und stalkermäßig… Es sei denn…” Sie zieht ihre Kiss-Kiss-Münze hervor. „Ich lasse das Schicksal entscheiden. Bei Kiss geh ich hinterher. Nur um zu gucken.” Sie schnippt die Münze und eine der beiden Kiss Seiten zeigt nach oben. „Tja, so ein Zufall. Dann muss ich wohl hinterher”, sagt sie achselzuckend zu sich selbst und geht los. 

Je weiter Marry Zero folgt, desto verlassener wirkt die Umgebung. Die Wohnhäuser verschwinden langsam. Werkstätten und Lagerhallen nehmen ihren Platz ein. 

Vor einem alten Ersatzteilladen stehen mehrere Motorräder. Zwei Männer rauchen daneben. Hier geht Zero nun hinein, während er beiläufig von den rauchenden Männern gegrüßt wird, die ihm anschließend folgen. Marry entdeckt neben dem Gebäude einige große Müllcontainer, an denen sie hinauf klettert. Von dort aus, kann sie durch ein trübes Fenster hindurchsehen. Insgesamt kann sie etwa 15 Kenshos ausmachen, die dort versammelt sind. Unter ihnen Slicer, den sie sofort aus dem Krankenhaus wiedererkennt. Außerdem fällt ihr ein großer Mann mit zurückgekämmten Haaren und schweren Ringen an den Fingern auf. Er sagt nichts, beobachtet nur, doch jeder im Raum wirkt, als würde er ganz genau darauf achten, was der Mann macht. „Das muss der Boss sein. Daigo”, denkt Marry. Zero haut den Kompass selbstbewusst auf einen Tisch in der Werkstatt. „Erledigt.” Slicer mustert Zeros Verletzungen und fragt ihn, was passiert ist. „7 Cycles”, antwortet Zero. Einen Moment lang herrscht Stille. Die Kenshos werfen sich gegenseitig Blicke zu. Marry freut sich auf die Wertschätzung, die Zero nun erhalten muss. Doch plötzlich lachen alle Kenshos laut auf. Alle bis auf Zero. Marrys Lächeln verschwindet. „Hast du dich wirklich von diesem Kindergarten verprügeln lassen?“, lacht Slicer. „Und die hatten wirklich ‘n scheiß Kompass? Hah! Ich fass es nicht”, lacht ein anderer Kensho besonders dreckig und kriegt sich kaum dabei ein. “Was für eine widerliche Lache”, denkt sie. Zero versucht es wegzulächeln, doch Marry meint inzwischen zu erkennen, dass es ihn trifft. 

„Wir stehen kurz vor einem Krieg mit den Hachis. Als ob wir dir jetzt Kamis Auftrag geben würden”, sagt Slicer sarkastisch und legt nach: „Das ist jetzt mein Job. Ich werd mich übermorgen mit den Hachis im Day-Duri treffen. Dafür braucht man jemanden mit Verhandlungsgeschick.” „Meinst du echt, wir haben dir geglaubt, dass du drei Hachis alleine fertig gemacht hast?”, fragt ein Kensho, der so aussieht, als würde er von einer Bulldogge abstammen. Marry merkt sich auch sein hässliches Gesicht. Zero sagt kein Wort. Der Kensho schlägt ihm beim Vorbeigehen noch gegen den Hinterkopf und wirft nach: „Hast deinem Namen mal wieder alle Ehre gemacht, Zero.” 

Slicer schiebt den Kompass achtlos vom Tisch. „Behalt ihn. Hast schließlich genug dafür eingesteckt.” 

Marry schaut Zero dabei zu, wie er den Kompass vom Boden aufhebt. In der Schule reicht ein Blick von ihm, damit ein ganzer Pausenhof die Klappe hält. Hier lässt er einfach alles über sich ergehen. „Brauchst dich die nächsten Tage erstmal nicht blicken lassen, Zero. Denk mal lieber drüber nach, wie du den Kenshos von Nutzen sein kannst”, sagt Daigo von weiter hinten im Raum. Marrys Finger schließen sich langsam um den Griff ihres Holzschwerts. Sie mustert die drei Mobber, die Zero mit diesem Fake-Auftrag gedemütigt haben. Slicer, der sich benimmt, als wäre er gerne der Boss. Der andere Kensho, mit seiner widerlichen, lauten Lache. Und schließlich Mister Bulldogge, der gerne noch einen drauf setzt. Vor einer halben Stunde wollte sie diese Leute noch unbedingt kennenlernen. Jetzt prägt sie sich ihre Gesichter aus einem ganz anderen Grund ein. 

Die Bulldogge ist der Erste, der das Lager verlässt und damit hat er Pech, Marrys erstes Ziel zu sein. Er schwingt sich auf sein Motorrad und fährt vom Lager weg. Marry klettert hastig vom Müllcontainer und nimmt die Verfolgung auf. Zu Fuß. Doch der Abstand zwischen ihr und ihrem Ziel wächst. Da kommt Marry instinktiv auf eine Idee. Sie zückt ihr Holzkatana, holt aus und wirft es präzise zwischen die Speichen der Felge. Das Motorrad landet auf dem Bürgersteig. Der überraschte Kensho rutscht ein paar Meter weiter und kommt erst durch eine Hauswand zum Stehen. „Scheiße, was war das denn?”, flucht er. Während er versucht, sich aufzurichten, hört er eine Stimme. „Hast Glück, dass du noch nicht mit vollem Speed unterwegs warst. Ohne Helm kann sowas schnell mal tödlich ausgehen”, sagt Marry, während sie sich auf ihn zubewegt. Sie lässt sich ihre Nervosität nicht anmerken. „Kennen wir uns?” Marry legt den Kopf schief. „Nee. Wird aber eh nicht lange dauern.” Er blick mit seinem dummen Hundegesicht zu ihr hoch. Unglaublich, dass so einer in der Rangliste noch vor Zero steht, denkt Marry. Während sie weiter auf ihn zu geht, zieht sie demonstrativ ihr Holzkatana aus den Speichen heraus. Der Kensho mustert Marrys schwarz-weißen Bob, dann das grüne und das blaue Auge. „Du warst das! Ich polier dir die Fresse.” Er steht auf und holt mit seiner Faust aus. Marry weicht seinem Schlag aus, rammt ihm den Griff ihres Holzkatanas in den Bauch und zieht es ihm beim Umdrehen quer über die Schläfe. Er kracht gegen sein Motorrad. Marry guckt verächtlich auf ihn herab. „Dein Motorrad schämt sich für dich.” Dann geht sie davon. 

Marry fühlt sich auf einmal richtig gut. Denn sie tut es für Zero. „So, nächster!” 


Später am Abend ist Marry dem nächsten Kensho bis in eine belebte Vergnügungsstraße gefolgt, in der es von Neon beleuchteten Karaoke Boxen, Bars und Arcade Hallen nur so wimmelt. Aus einer dieser Spielhallen hört sie sein unverkennbares, widerliches Lachen klar heraus. Marry geht hinein. Sie kennt diesen Ort. Hier hatte sie damals ihre Kiss-Kiss-Münze erspielt. Überall die schrillen Töne der Spielautomaten und Gamestationen. Sie folgt dem auffälligen Lachen des Kenshos. Er sitzt mit Bierflasche vor einem flackerndem Bildschirm und zockt ein Kampfspiel gegen einen Jungen. „HAHAHAHA! Gewonnen! Los, nochmal!”, grölt er dem Jungen ins Gesicht und schlägt ihm grob gegen die Schulter. „Ich muss heim, entgegnet der Junge, aber der Kensho duldet keine Widerworte und packt ihn am Kragen. „DU BLEIBST SCHÖN HIER HAHAHA!!!” „So ein Wichser”, denkt Marry, während sie die Situation mit etwas Abstand beobachtet. Obwohl sie angespannt ist, merkt sie wie in ihr eine gewisse Vorfreude aufsteigt. 

Als der Kensho später allein aus der Spielhalle kommt und in die Seitengasse abbiegt, folgt Marry ihm. Er stellt sich an eine Wand und pisst in die Ecke. „Tja, wer zuletzt lacht…” Gerade als der Mann sich auf Marrys Worte hin umdreht, trifft ihr Holzkatana ihn mit voller Wucht gegen den Kopf und er geht zu Boden. Leicht benommen sieht er Marry vor sich und fragt geschwächt „Wer bist du?” … „Dein Karma…” Sie überlegt. „Mit Holzschwert”, antwortet sie auf eine Weise, als wäre sie “Johnny Katana” aus ihrer Lieblingsfilmreihe. Er sieht die verschiedenen farbigen Augen von Marry. „Du verdammter Freak! Fahr zur Hölle.” Marry schaut kurz nach unten. „Zu weit. Ich hab morgen Schule!” Sie schlägt den nicht mehr lachenden Kensho K. o.


Am nächsten Nachmittag ist aus Marry unter den Kenshos bereits ein Gerücht geworden. Sie weiß es nur noch nicht. Man erzählt sich von einer jungen Frau, die mit einem Holzkatana zwei Kenshos zusammengeschlagen hat. Die einhellige Meinung ist, sie sei von den Hachis geschickt worden. 

Der Boss, Daigo, ist nicht überzeugt. „Wieso dann nur verprügeln und nicht töten?” „Reine Provokation! Die Hachis wollen unsere Grenzen testen!” ,meint ein anderer Kensho.

Daigo bleibt skeptisch. „Slicer spricht heute Abend mit ihnen. Dann wissen wir mehr.” Er sieht zu Slicer rüber. „Aber wenn ihr denen einen Waffenstillstand vorschlagt, vergesst nicht, wer ihr seid. Ihr müsst Stärke zeigen. Die Hachis sollen ihren Respekt vor uns nicht verlieren.” Slicer nickt. 


Als der Abend einbricht, macht sich Marry auf dem Weg zum Restaurant, von dem sie im Kensho Lager aufgeschnappt hat, dass Slicer hier heute Kamis Auftrag abschließen soll. Sie beobachtet wie Slicer und ein sehr muskulöser Kensho, der noch mal einen Kopf größer ist, das Lokal betreten. Marry folgt ihnen hinein und sieht, wie die beiden Gangster sich nebeneinander an einen abseits gelegenen VIP-Tisch setzen. “Okay, sie sind noch alleine. Und der Laden ist nicht besonders voll. Gut, gut.”, denkt sich Marry. 

„Wo bleiben die scheiß Hachis denn?”, fragt Slicer seinen Kollegen ungeduldig. Der bullige fügt hinzu: “Die sind echt das allerletzte.” Sie werfen sich einen genervten Blick zu und schauen dann wieder nach vorne. Plötzlich sitzt auf einmal Marry wie selbstverständlich an ihrem Tisch. Sie würdigt beiden Kenshos keines Blickes, schaut stattdessen in die Karte und sagt: „Ich glaube, ich nehm den Miesmuschel Eisbecher.” Slicer braucht einen Moment. Dann wandert sein Blick von ihren Haaren zu ihren Augen und runter zum Holzkatana. „Fuck… Der Hachi-Kampfhund!! Das sind keine Verhandlungen. Die haben uns verarscht!” Slicer springt auf. Marry ist überrascht: „Hachis? Ich bin nicht von den Hachis! Bin nur wegen euch hier… und vielleicht ‘nem Eisbecher!” 

Der große Kensho reißt den Tisch um und zieht sein Katana. Marry springt von ihrem Stuhl und macht einen Satz nach hinten. Die Gäste wissen, was es heißt, wenn Kenshos zu ihren Schwertern greifen und verlassen schlagartig das Restaurant. 

Der Kensho stürmt auf Marry zu. Doch er hat ihre Geschicklichkeit unterschätzt. Sie weicht im letzten Moment aus, rammt ihm ihr Holzkatana zwischen die Beine und schlägt ihm den Griff aus derselben Bewegung heraus gegen den Hinterkopf. Er stolpert mit rapiden Tempo in die naheliegende Theke, die unter seinem enormen Kampfgewicht auseinanderbricht. Der Kensho Hühne gibt stöhnende Laute von sich, während er vergeblich versucht wieder auf die Beine zu kommen. „Hey, gegen dich hab ich eigentlich nichts. Kannst ruhig liegen bleiben”, sagt Marry. 

Sie blickt zu Slicer, welcher überrascht ist von ihrer Geschicklichkeit. Er bewegt sich auf sie zu. Mit gezogenem Katana. Marry holt aus, aber sie trifft lediglich die Luft. Slicer ist schnell. Viel schneller, als Marry erwartet hat. Der Griff seines Katanas trifft sie im Gesicht, der zweite Schlag presst ihr die Luft aus den Lungen. Sie taumelt rückwärts bis sie gegen einen Tisch. Slicer drückt sie gegen die Tischplatte: „Wer schickt dich? Für wen arbeitest du?” “Niemand.” keucht sie. “Lüg mich nicht an, du kleine Schlampe.” „Selber Schlampe.” Sie rammt ihm ihre Stirn ins Gesicht. Er lässt los. „Ich bin mein eigener Boss!” 

Marry setzt nach, mit ihrem Holzschwert gegen seine Schulter. Danach folgt ein Schlag gegen seine Rippen. Und dann ein heftiger Schlag gegen sein Kinn, als würde sie einen Golfball weghauen. Slicer fällt rückwärts und geht zu Boden. Marry bleibt schwer atmend stehen. Sie schmeckt Blut in ihrem Mund. Slicer liegt vor ihr. Sie wischt sich mit dem Ärmel über die blutige Lippe. „Ich geb dir ’ne Acht von zehn. Wegen meiner Lippe!“ Slicer starrt sie kraftlos vom Boden aus an und bemerkt ihr Tattoo am Arm „Was ist das … für’n hässliches Tattoo?” Marry versetzt ihm einen letzten Schlag. „Ein Kreis!”, ruft sie beleidigt.

Marry durchströmt ein angenehmes Gefühl, das Universum wieder ins Gleichgewicht gebracht zu haben „Vielleicht werden seine Gang Kollegen Zero nun besser behandeln”, hofft sie. Ihre Gedanken werden unterbrochen, als vier Männer das Restaurant betreten. Marry macht sich ungesehen durch ein Fenster davon und beobachtet den Moment noch kurz: „Das müssen die Hachis sein.”

Schon im Eingang bleiben die Hachis stehen. Umgekippte Tische, zerbrochenes Geschirr, Blut auf dem Boden. Von Gästen und Personal fehlt jede Spur. Und mitten in der Verwüstung liegen ausgerechnet die beiden Männer, die ihnen heute demonstrieren sollten, warum man sich besser nicht mit den Kenshos anlegt. 

Einer der Hachis geht vor Slicer in die Hocke. „Das soll ein Witz sein, oder? Wenn ihr unsere Zeit verschwenden wollt, hättet ihr auch einfach absagen können.”, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. Der Hachi klopft Slicer zweimal gegen die Wange. Slicer starrt ihn voller Hass an. „Fick dich!” Der Hachi steht wieder auf und beobachtet Slicer, wie er vergeblich versucht, sich aufzurichten. „Seht ihn euch an. Und so einer wollte mit uns verhandeln. Ein Friedensangebot wollten die uns machen”, lacht der Hachi seinen Männern zu. „Slicer nicht wahr? Bist du nicht nicht die rechte Hand von Daigo? Ist das alles, was er zu bieten hat? Einfach respektlos.” 

Er öffnet seine Hose, stellt sich direkt über Slicer und pisst ihm mitten ins Gesicht. Keiner reagiert, alle schauen zu. Als der Hachi fertig ist, zieht er seine Hose hoch. „Jetzt weißt du wenigstens, wie sich Respektlosigkeit anfühlt.” 

Dann wendet er sich den anderen zu und geht mit ihnen Richtung Ausgang. An der Tür bleibt er noch einmal stehen und blickt über die Schulter zu den beiden Kenshos am Boden. “Richtet Daigo aus: Wir haben keine Angst vor den Kenshos. Verhandlungen beendet.“ Dann verschwinden sie. 

Slicer bleibt gedemütigt zurück. Doch sein Hass gilt weniger den Hachis als der Person, die dieses riesige Desaster ausgelöst hat: dem Mädchen mit dem Holzkatana. 


In den nächsten zwei Tagen ist Marry jeweils mit großer Vorfreude in die Schule gekommen. Sie hatte gehofft, auf einen richtig gut gelaunten Zero zu treffen, der sich freut, dass seine Peiniger ihre gerechte Strafe bekommen haben. Ob sie ihm dann gesagt hätte, dass sie dahintersteckt oder nicht, die Frage stellte sich nicht, denn Zero ist überhaupt nicht in der Schule aufgetaucht. Das hatte er schon öfter gemacht, dass er einfach für ein paar Tage abwesend war. Aber dieses Mal macht es Marry besonders zu schaffen. „Verdammt. Wo steckt er denn?” 

Wo Zero aber stattdessen nach ein paar Tagen wieder auftaucht ist das Kensho Lager. Mit dem Anblick, der ihn dort erwartet, hat er allerdings nicht gerechnet: Seine Kollegen sind übel zugerichtet. Der eine Kensho, den Marry vom Motorrad geschleudert hat, trägt eine Schiene, der andere aus der Arcade-Spielhalle hat ein geschwollenes Auge. Und auch die Gesichter von Slicer und seinem muskulösen Begleiter tragen deutlich sichtbare Blessuren. Zero bleibt an der Tür stehen. „Hab ich was verpasst?” Niemand schenkt ihm Beachtung. Die Kenshos reden wild durcheinander. Am lautesten ist Slicer, der unruhig auf und ab geht: „Ich bring die Schlampe um! Ich bring sie ALLE UM!” Seine Faust kracht auf den Tisch. „Zumindest wissen wir jetzt, dass sie nicht zu den Hachis gehört”, sagt ein anderer der Kenshos. Slicer tritt seinen Stuhl weg. „ICH WILL DIESE SCHLAMPE FINDEN! Ist mir scheißegal, wer sie ist oder wo sie herkommt!” 

Einer der anderen zugerichteten Kenshos, reibt sich über seine noch geschwollene Wange. „Kann doch nicht so schwer sein, sie zu finden, so auffällig wie die ist…dieser Schwarz-weißen Bob, das Holzschwert, die verschiedenen Augenfarben…” “Nicht zu vergessen, dieses hässliche Kreistattoo!”, schreit Slicer. Zero wird mit jedem Wort blasser. Marry. Natürlich war es Marry. Er senkt den Blick und hofft nur, dass ihm niemand seine Nervosität anmerkt. 

„Genug jetzt von dem Mädchen!”, mischt Daigo sich ein. „Das Hachi-Problem ist viel größer! Die glauben jetzt, dass sie sich einfach nehmen können, was sie wollen. Darum sollten wir uns kümmern. Zero überkommt ein Gefühl der Erleichterung, denn das Marry-Thema scheint erstmal vom Tisch zu sein. Immerhin kennt sie außer ihm ja eh niemand. Bis auf…  Plötzlich ertönt eine Stimme aus der Ecke: „Wartet mal.” 

Die Aufmerksamkeit richtet sich auf einen Kensho, der hinten auf dem Sofa sitzt: Es ist Kami. Bandagen und Gips ziehen sich unter seiner Kleidung hervor, sein Gesicht trägt noch die Spuren des Autoangriffs durch die Hachis. Er starrt Zero an und Zero ihn. 

Zeros Magen zieht sich zusammen. Er muss früher aus dem Krankenhaus entlassen worden sein, denkt Zero. Kami richtet sich langsam auf. „Die Frau von der ihr sprecht… die hab ich schonmal gesehen…”  Die Augen der Kenshos weiten sich. Kami führt fort: “Sie gehört zu ihm!“. Er zeigt auf Zero. Alle Blicke richten sich schlagartig zu Zero. Stille. Zero hebt sofort den Kopf. „Was? Nein. Ich kenn die nicht.” 

„Bullshit.” sagt Kami „Als die Hachis mich umgefahren haben, war sie da. Sie ist mit ihrem Holzkatana auf drei Hachis losgegangen.” Sein Finger bleibt auf Zero gerichtet. Slicers Gesicht verändert sich. 

Zero setzt an. „Slicer, ich…“ Zeros Satz wird unterbrochen von Slicers Faust. „DIE GEHÖRT ZU DIR?!” Noch ein Schlag, diesmal von einem anderen bandagierten Kensho.„Du hast mir die Scheiße eingebrockt, du dreckiger Wichser?” Slicer packt Zero am Kragen und schlägt ihn wieder zu Boden. „Hetzt du etwa irgend ‘ne Bitch auf uns, weil du selber nicht die Eier hast?” Zero kann nur noch schützend die Hände vor seinen Kopf halten, während die anderen völlig enthemmt auf ihn einprügeln. Daigo beobachtet die Situation eine Weile, dann schreitet er ein: „Das reicht! Ich glaub, er hat’s verstanden.” 

Die Kenshos lassen von Zero ab. Daigo wartet, bis er sich irgendwie auf die Knie zwingt, dann legt er nach: „Vier meiner Leute!“ Zero atmet schwer. „Ich wusste nichts davon.” „Natürlich nicht.” Daigo steht auf. „Entweder bist du ein Verräter oder ein Idiot. Ich weiß nicht, was mir lieber ist.” Er bleibt vor Zero stehen, der sich das Blut aus dem Mund wischt. Daigo geht vor ihm in die Hocke und lächelt. „Aber eines muss ich dir lassen. Hast Geschmack, Zero. Das Mädchen kann kämpfen.” Kami versucht das Gespräch wieder auf das Wesentliche zu lenken: „Und was machen wir jetzt mit den Hachis?” Daigo denkt nach. Er blickt zu Zero, dann zu Slicer. Dann steht er auf: „Es gibt vielleicht noch einen Job, der die Wogen mit den Hachis glätten kann.” “Wogen glätten? Scheiß drauf! Ich will sie tot sehen!”, protestiert Slicer. „Die Verantwortung liegt jetzt nicht mehr bei dir, Slicer.” Daigo schaut mit ernstem Blick zu Zero. “Wir wollten den Hachis ein Friedensangebot machen. Ihnen wurde etwas sehr Wertvolles gestohlen. Und jemand muss es zurückholen.” „Ich? Das traut ihr mir doch eh nicht zu”, sagt Zero und spuckt Blut auf den Boden. Daigo entgegnet: „Richtig, aber deiner Freundin. Sie wollte unsere Aufmerksamkeit. Jetzt hat sie sie. Eine Gelegenheit, es wieder gut zu machen und für dich die Chance, dir vielleicht endlich einen richtigen Rang bei uns zu verdienen.” Bei Zero bleiben nur Daigos letzte Worte hängen: „Endlich einen richtigen Rang!”...

 

KAPITEL IV: DIE KISTE 

Es ist später Nachmittag. Die Schule ist bereits vorbei und Marry liegt in ihrem Bett im Haus ihrer Oma. Sie wirft ihre Kiss-Kiss-Münze immer wieder in die Luft. Ihre Oma betritt das Zimmer. „Was ist denn los, meine Kleine? Du kommst ja gar nicht mehr aus deinem Zimmer raus.” „Kein Bock”, sagt Marry eingeschnappt. „Oh, Kindchen, du siehst ja noch schlimmer aus. Du bist doch nicht etwa in irgendwelche Bandengeschichten reingeraten?”, sagt ihre Oma als sie Marrys neue Blessuren sieht. “Ach Oma. Das verstehst du nicht.” Ihre Oma seufzt. „Lass dir von einer Frau mit ein paar Jahren mehr Lebenserfahrung was sagen, Marry. Von Jungs, die nur an sich denken und dich für selbstverständlich halten, lässt du besser die Finger. Besonders, wenn sie in irgendwelchen Gangs stecken.” Marry lässt von der Münze ab und hört ihre Oma nun aufmerksamer zu. “Sowas fühlt sich in deinem Alter aufregend an. Aber aufregend hält dich nachts nicht warm.” 

Marry seufzt: „Hast Recht, Oma. Ich bin fertig mit den Typen.” Da klingelt es an der Tür. Marrys Oma geht herunter, um zu öffnen. Marry spielt weiter mit ihrer Münze, als sie von unten eine vertraute Stimme hört: „Hi, ist Marry da?” Keine fünf Sekunden später steht Marry keuchend an der Tür. „Heeeey Zeeroooo.”, doch als sie ihn sieht, verschwindet ihr Lächeln augenblicklich. Seine Lippe ist aufgeplatzt. Ein Auge ist angeschwollen. Marrys kurzer Blick zur Oma gibt ihr zu verstehen, dass ihre Anwesenheit gerade unpassend ist. Kopfschüttelnd geht die Oma ins Wohnzimmer zurück und Marry verlässt das Haus.

„Wer war's?” Ihre Stimme ist plötzlich vollkommen ernst. „Egal.” „Für mich nicht. „Du hast genug angerichtet, Marry.” Der Satz trifft. Marry versteht, dass Zeros Verletzungen die Reaktion auf ihr Einmischen sind. Jetzt fühlt sich ihre kleine Racheaktion plötzlich nicht mehr so zufriedenstellend an. „Ich wollte nur… Die haben dich behandelt wie Dreck. Also hab ich…” „...paar meiner Gang Kollegen zusammengeschlagen?”, unterbricht er sie. Marry presst die Lippen zusammen. „Aber es hat sich richtig angefühlt… also, dir zu helfen!” Er lehnt sich gegen die Hauswand. „Tolle Hilfe. Na ja, jetzt kannst du vielleicht mal helfen, sodass es mir auch was bringt. Ich hab einen Auftrag, um es wieder gut zu machen.” Marry schaut ihn misstrauisch an. „Natürlich. So wie dein letzter Auftrag. Ach ne, das war ja nur ‘ne Verarsche, um dich zu demütigen!” „Diesmal ist es anders.”, sagt Zero und sieht dabei aus, als würde er an seinen eigenen Worten zweifeln. „Das glaubst du nur, weil du es glauben willst.” Marry mustert ihn. „Wie kannst du denen noch vertrauen?” Zero schaut zur Straße. „Wenn ich das schaffe, ändert sich vielleicht endlich was.” Für Marry ist es beinahe unerträglich, mit anzusehen, wie Zero sich weiter an die Hoffnung klammert, dass hinter dem nächsten Auftrag endlich echte Anerkennung wartet. Er erzählt ihr von seinem Auftrag. Er müsse eine Lieferung am Güterbahnhof stehlen und damit verschwinden, bevor irgendwer etwas bemerkt. Es handele sich um eine Kiste für die Hachis. Ein Friedensangebot. „Eine Kiste. Für die Hachis?”, überlegt Marry. „Weißt du, vielleicht halte ich mich da raus… Hab dir schon genug geholfen. Am Ende geht’s doch wieder blöd aus für dich.” Zero ist sichtlich überrascht von Marrys Absage. „Hm. Okay. Musst nicht mitkommen. Dachte nur. Wir waren ja ganz gute Partners in Crime.” Marry zögert, denkt nach, doch Zero sagt: „Dann geh ich einfach allein, Marry. Man sieht sich.” Er dreht sich um und geht einfach los. Für einen Moment steht Marry nur so da. „Warte”, ruft sie auf einmal. Zero dreht sich um. Marry greift in ihre Tasche und holt ihre Kiss-Kiss-Münze hervor. „Okay. Wenn sie auf Kiss landet, komm ich mit.” Zero schaut auf die Münze. Dann zu Marry. „Die hat doch zwei Kiss-Seiten.” Marry hält kurz inne. „Wow. Jetzt ruinier doch nicht die Spannung.” Sie schnippt die Münze hoch. Die Münze landet auf ihrem Handrücken. Kiss. 

Marry grinst. „Tja. Schicksal.“ Zero schüttelt leicht den Kopf und grinst. Marry und Zero gehen gemeinsam los. Doch was sie nicht wissen, ist, dass die besagte Kiste von niemand Geringerem in Empfang genommen werden soll, als von der Kurokawa-Bruderschaft. Eine Gang, die weitaus gefährlicher und mächtiger ist als Kensho und Hachi zusammen. Daigo erwartet gar nicht, dass Zero und Marry die Kiste zu ihm bringen. Für ihn ist der Auftrag bereits erfolgreich, wenn zwei Menschen nicht zurückkommen. 


Kurz nach Mitternacht erreichen Marry und Zero den alten Güterbahnhof am anderen Ende von Distrikt 19. Ein massiver Zaun trennt den Bahnhof vom Wegesrand. Zero steigt von seinem Motorrad. Marry, die hinter ihm saß, ebenfalls. Der Zaun ist abgeschlossen, heißt von hier aus müssen sie zu Fuß weiter. Geschickt klettern sie über den Zaun in den Innenbereich des Güterbahnhofs. Marrys Holzkatana hängt von ihrer Schulter, während Zero ein echtes Katana mit sich trägt. „Unser Zielort ist Halle F. Eine Schwebebahn aus Distrikt 10 hat dort Container abgeliefert, einer davon soll noch diese Nacht auf einen Lastwagen verladen und aus dem Distrikt befördert werden. Aber wir sind vorher da. Wir müssen den roten Container finden. Dort drin befindet sich eine Holzkiste, ungefähr einen Meter breit und einen Meter hoch. Sie ist mit einem Symbol markiert, einer schwarze Chrysantheme” „Und was ist da drin?“, flüstert Marry, während sie an den großen Lagerhallen entlang schleichen. „Keine Ahnung.” „Stark. Klauen wir also eine riesige Überraschungsbox.” „Konzentrier dich. Ich darf das hier nicht verkacken.” „Ich bin konzentriert. Ich hätte nur gern gewusst, wofür ich…” Bevor Marry den Satz zu Ende sprechen kann, reißt Zero sie zurück und hält ihr den Mund zu. Dann deutet er auf zwei mit Gewehren bewaffnete Bahnhofwachen, die den Güterbahnhof patrouillieren. Marry flüstert ihren Satz zu Ende: „...eventuell erschossen werde…” 

Zum Glück haben die Wachen die beiden jungen Einbrecher nicht gesehen und als die Luft rein ist, machen sich Marry und Zero weiter auf, bis sie am Seiteneingang der Halle ankommen. Die Seitentür ist natürlich verschlossen. Zero versucht mit einem Messer und einem Draht das Schloss zu knacken, doch auch nach mehreren Minuten kommt er damit nicht weiter. Der Schweiß tropft ihm von der Stirn. „Scheiße, scheiße, scheiße. Das ist meine letzte Chance, mich zu beweisen…”, murmelt er vor sich hin. Plötzlich öffnet sich die Tür von der anderen Seite. Er springt erschrocken auf. Doch es ist Marry, die im Türrahmen steht. Stolz sagt sie: „Tja, die hätten das Fenster da oben nicht offen stehen lassen sollen." Zero geht mit schnellen Schritten an Marry vorbei in die Halle. „Kein Lob? Kein Danke?”, fragt Marry ernüchtert. Zero ignoriert sie und ist schon dabei, alleine die riesige Halle abzusuchen. An der Decke hängen mehrere Schwebebahnen. Marry tastet sich vorsichtig durch die dunkle Containerlandschaft. Da hört sie auf einmal Zeros Stimme aus der Dunkelheit. „Hab sie!” Marry rennt auf die andere Seite der Halle und sieht, wie Zero vor der Ladeluke eines roten Containers steht. Zero öffnet vorsichtig die Containertür und beide steigen hinein. Zwischen verschiedenen Holzkisten finden sie schnell diejenige, nach der sie suchen. Die Holzkiste mit der Chrysantheme. „Das Ding?”, fragt Marry. Zero erkennt das Symbol auf der Kiste und nickt. „Das Ding.” 

Doch kaum haben sie die Kiste aus dem Container rausgetragen, gehen auf einmal und mit einem lauten Knall die Deckenlichter an. Marry und Zero gucken sich erschrocken um. Sie sind auf einmal wie auf einem Präsentierteller von Männern umzingelt. Marry sieht zu Zero. „Die gehören nicht zufällig zu dir?” Zero antwortet nicht. Er ist auf einmal kreidebleich. In kürzester Zeit hat sich ein Halbkreis aus zwanzig Personen um die beiden herum gebildet. Sie tragen alle feine Anzüge. Aber viel auffälliger sind die weißen Masken, die aussehen wie eine Mischung aus Fuchs und Dämon auf ihren Gesichtern. „Die Kurokawa-Bruderschaft.” Marry kann mit dem Namen nichts anfangen, aber erkennt, dass alle Männer der Bruderschaft ein Katana an ihrem Rücken tragen. „Kurokawa?” Zero sieht zur Kiste. Dann zu den Männern. Und plötzlich versteht er: „Das war eine Falle…” Daigo hat die beiden nicht hergeschickt, um etwas zu stehlen, bevor die Lieferung abgeholt wird. Die Lieferung wird jetzt gerade abgeholt. Und Daigo wusste ganz genau, wer sie in Empfang nehmen wird. „Dieser Wichser.”, murmelt Zero. 

Aus der Mitte der Gang löst sich ein Mann in einem edlen Mantel. Es wirkt fast wie ein dekadenter Bademantel. Sein muskulöser Oberkörper ist frei. Viele goldene Ketten hängen um seinen Hals und eine goldene Maske verdeckt sein Gesicht.  Über seiner Schulter ragt der Griff eines Schwertes hervor. Der Boss der Kurokawa-Bruderschaft. „Meine Kiste. Meine Kiste!” Ein unheimliches Lachen folgt seinen Worten, als würde er sich vor Freude kaum noch einkriegen. 

Marry wirft Zero einen Blick zu, doch der bleibt still. Der Boss legt den Kopf leicht schief. „Hm. Immer tragisch, wenn junge Leute sterben…” Ein leichtes Nicken von dem Mann reicht. Zwei Maskierte setzen sich sofort in Bewegung. Katanas gleiten aus ihren Scheiden. 

Marry zieht ihr Holzkatana noch bevor der erste Schlag fällt. KLACK. Ihre Klinge trifft die Hand des Angreifers und hält damit den Angriff von Zero ab. Der Boss hebt anerkennend den Kopf. Erst jetzt greift auch Zero nach seinem Schwert. 

Beide schaffen es nun, die Angreifer abzuwehren, während Marry mit ihrem Holzschwert vor allem Treffer verteilt. Sie schlagen sich immer weiter Richtung Ausgang. Doch die Kurokawas sind so deutlich in der stärkeren Position, dass sie das ganze fast spielerisch angehen und die beiden wieder zurück in die Mitte treiben, wie eine Horde Hyänen, die ihre Beute bis zur Erschöpfung vor sich her treiben. Da Marry sich besonders gut zu bewegen weiß, liegt der Fokus der Bruderschaft mehr bei ihr. Zero hingegen kann sich dadurch immer weiter vom Kampfgeschehen entfernen. Marry ruft: „Zero! Hilf mir!” Er zögert. Marry schaut flehend zu ihm. „Zero, zusammen schaffen wir die.” Zero blickt zwischen den Leuten hin und her. Sein Blick fällt auch auf den Boss, der ihn anschaut, als würde auch er neugierig auf Zeros Entscheidung sein. Doch dann dreht Zero sich einfach um. Marry stockt der Atem. In ihren blau und grünen Augen sammeln sich Tränen, während sie ihm zusieht, wie er zwischen den Container einfach wegrennt. Ohne sie. Marry ist völlig aufgelöst. Der Boss der Bruderschaft lacht: „Hah! Seht euch diesen Feigling an! Lässt seine Freundin einfach zum Sterben zurück!” Sofort wird Marrys Trance von einem Katana unterbrochen, welchem sie gerade noch so ausweichen kann. In Marry baut sich Zorn auf. Ein Zorn auf Zero. So groß, dass ihr Kampfgeist wieder erwacht. Instinktiv und mit voller Wucht schlägt sie auf einen der Kämpfer der Bruderschaft ein, der sofort zu Boden geht. Dem nächsten kann sie ordentlich vors Knie schlagen. Doch dieser haut ihr mit seinem Ellenbogen direkt ins Gesicht. Marry fängt sich schnell wieder und sieht, wie ein weiterer mit einem Schwert auf sie zurennt. Sie schafft es mit ihrer Holzklinge, dem Angreifer so auf die Hand zu schlagen, dass dieser sein Katana verliert. „Sie hat mehr Mumm als dieser Kensho hahaha” ,lacht der Boss. Nun rennen noch mehr auf sie zu. Jemand schlägt ihr in den Bauch. Ein anderer trifft sie von der Seite. Marry rammt einem Mann noch das Holzschwert ins Gesicht, bekommt dafür einen Tritt gegen die Brust und fliegt rückwärts gegen einen Container. Ihr Holzschwert fällt zu Boden. Voller Wut holt sie mit ihrer rechten Hand aus und schlägt dem Gangster direkt vor ihr gegen seine harte Fuchsmaske. „“Ahhhhh! Scheiße!”, sie schreit auf. Ein stechender Schmerz schießt durch ihre Hand. Ihre Knöchel pochen höllisch, einer fühlt sich an, als wäre er gebrochen. Viel Zeit bleibt ihr nicht. Schon stürzen sich die nächsten auf sie und schlagen von allen Seiten auf Marry ein. Irgendwann hört sie auf zu wissen, aus welcher Richtung die Schläge kommen, bis sie schließlich am Boden auf ihrem Bauch liegen bleibt. Blut läuft ihr über die Stirn. Ihr Holzkatana liegt zwar neben ihr, aber ihre Kraft reicht nicht mehr aus, es aufzuheben. Die Stimmen um sie herum klingen dumpf. Sie hört den Boss rufen: „Das ist genug Spaß fürs Erste!” Marry bekommt kaum noch mit, wie die Männer von ihr ablassen und sich wieder der Kiste zuwenden. 

Eigentlich denkt sie nur noch an eine Sache: „Zero. Du Verräter!” Durch ihren verschwommenen Blick sieht sie, wie die Männer die Kiste mit dem Chrysantheme-Symbol in die Mitte des Platzes schieben. Der Boss steht einige Meter von der mysteriösen Kiste entfernt. Er setzt seine Maske ab. Ein überraschend junges Gesicht kommt zum Vorschein, anders als man es bei der tiefen Stimme erwarten würde. Die Haut ist glatt, weder Narben, noch Falten sind zu sehen. Doch irgendwas in seinen Augen strahlt eine Autorität aus, die meist nur ältere Menschen beanspruchen können. „“Endlich. Endlich. Endlich! Nach all den Jahren der Suche.” Zwei Männer lösen die Verschlüsse. Der Deckel öffnet sich. Die Männer weichen sofort auf ihre Halbkreisposition zurück. Stille. Marry blinzelt und kann erkennen, wie sich innerhalb der Kiste etwas bewegt. 

Zwei kleine schwarze Ohren erscheinen über dem Rand. Dann zwei Pfoten. Etwas Flauschiges bewegt sich. 

Es ist ein kleiner Panda, der unbeholfen aus der Kiste herausklettert. „Ein Panda?”, denkt Marry. 

Die Männer stellen sich in einem Halbkreis um das Tier. Der Boss grinst und breitet langsam seine Arme aus. „Komm zu mir. Mein Spirit Animal.“ Unter Schmerzen dreht Marry sich auf den Rücken, um das Spektakel von ihrer Position aus beobachten zu können. „Ein… Spirit … Animal?” Der Panda schaut sich verunsichert um. Der Boss deutet vor sich auf den Boden. „Komm, mein Spirit!.” Einer der Männer macht unbewusst einen Schritt nach vorne. Sofort zieht der Boss sein Schwert und zeigt mit der Klinge auf ihn „Wenn der Panda einen von euch auswählt, bevor er mich erreicht, schneide ich demjenigen den Kopf ab.“ Der Mann wird blass. Der gesamte Halbkreis weicht gleichzeitig mehrere Schritte zurück. Der Panda erhebt sich. Der Boss lächelt wieder. „Ja! Gut so! Komm zu mir. Komm zu Papa!” Der Panda tappt direkt auf den Boss zu. Sein Grinsen wird immer breiter. Noch zehn Meter. Fünf. Zwei. Doch dann macht der Panda plötzlich einen super schnellen Sprint und läuft an ihm vorbei! Der Boss dreht ungläubig den Kopf. Der Panda wird schneller. Er rennt durch die Lücke zwischen zwei Männern hindurch und springt unnatürlich weit geradewegs auf Marry zu. „Was…Uff.” Marry bleibt die Luft weg, als der Panda ihr auf den Bauch gesprungen ist. Marry schaut geschwächt zu ihm auf und sieht, wie der Panda ihr direkt in die Augen guckt. Es scheint, als würden seine Augen sich weiten und ihre auch. Für einen winzigen Moment wird alles still. Marry glaubt zu halluzinieren und fragt sich, ob sie gerade dabei ist zu sterben. Sie wird immer schwächer. Dann hört sie ihren eigenen Herzschlag. Etwas Warmes schießt durch ihren Körper. Ihre Sicht wird wieder schärfer. Ihre Schmerzen weniger. Ihre Finger bewegen sich wieder. Sie holt tief Luft. „NEIIIIIIIIN!” Der Schrei des Bosses zerreißt den Moment. Er tobt und dreht sich hin und her vor Wut, sodass sein Mantel hin und her schwingt. Marry sieht hoch und der alte Mann schleudert sein Schwert direkt auf sie zu. Die Klinge rast durch die Luft. Der Panda springt von Marry herunter. Ihre Hand greift nach oben. KLACK. Gefangen! In ihrer rechten Hand hält sie das Schwert des Bosses mit festem Griff. Sie steht auf und greift mit der anderen Hand ihr Holzkatana. Sie steht nun da, mit zwei Schwertern und mit einer Energie, die vor wenigen Augenblicken noch gar nicht denkbar war. Blut läuft ihr noch immer über das Gesicht. Der Panda stellt sich neben ihren Fuß.

Die Kurokawa-Bruderschaft starrt sie an. Marry mustert sie alle. Der Panda hebt beide Pfoten, als würde er Luftschwerter halten. „TÖTET SIE. BRINGT MIR MEIN SPIRIT!!!”, schreit der Boss der Bruderschaft. Alle stürmen auf sie zu. Marry bewegt sich schneller als je zuvor, zu schnell für die Gangster. Sie schlägt eine Waffe mit ihrer echten Klinge zur Seite und zieht dem Angreifer im selben Moment mit dem Holzschwert die Beine weg. Marry dreht sich darunter hindurch und zieht den anderen beiden das Holzschwert mit einer Drehung durch ihre Gesichter. Sie schreien vor Schmerz. Von hinten mischen sich zwei weitere Angreifer in das Geschehen ein. Der Panda stellt sich zwischen sie und bekämpft sie, mit ähnlichen Bewegungen wie Marry. Sie schaut kurz hin und mehr als ein verdutztes „Okay?” bekommt sie nicht raus. Marry duckt sich. Der Panda duckt sich. Marry tritt einem Mann gegen das Knie. Der Panda springt dem nächsten mit beiden Füßen ins Knie. „Hör auf, mir nachzumachen!” Der Panda springt einem anderen Mann ins Gesicht. Marry sieht kurz hin. „Okay, das war ‘n 1A-Dropkick.” Weitere Männer kommen. Mit ihren zwei Schwertern bewegt sich Marry rasant durch die Gegner. „Wie kann sie noch stehen?!”, schreit einer der Männer, doch Marry spürt immer mehr, wie ihre Ausdauer sie verlässt und ihre Schmerzen wieder stärker werden. Plötzlich hört sie Schüsse. Ein paar der Gangster haben auf Schusswaffen gewechselt. Sie schlägt einen Weg zwischen den Containern frei. „Weg hier.”, sagt sie zu sich. Der Panda rennt hinter ihr her. Der Boss ist außer sich vor Wut. Er schreit: „LASST SIE NICHT ENTKOMMEN!” Die Gang folgt Marry durch die Seitentür hinaus. Auf einmal sehen die Bahnhofswachen die Kurokawa-Bruderschaft und richten ihre Waffen auf sie. Es kommt zu einem sofortigen Schusswechsel zwischen den Wachen und der Bruderschaft. Marry nutzt das Chaos, um den Metallzaun zu erreichen. Was beim Reinklettern noch ein Kinderspiel für sie war, ist bei ihrer Flucht nun durch ihre Verletzungen ein absoluter Kraftakt. Der Panda springt über Marry und den Zaun und landet auf der anderen Seite. Marry starrt ihm hinterher. „Ach, als ob.” Kurz darauf schafft es Marry auch rüber. Da hört sie den Boss in der Ferne wieder schreien: „Bringt mir mein Spirit Animal!” Sie rennt los und der kleine Panda folgt ihr. Als Marry ihn bemerkt, hält sie inne und beugt sich zu ihm runter. „Nein, nicht mitkommen!” Der Panda schaut sie an. Marry ist gestresst: „Also, echt coole Skills, so im Kampf. Danke für die Hilfe und so! Aber ich muss mich jetzt um mich selbst kümmern. Und du bist ja eh SEIN Haustier!” Der Panda legt den Kopf schief. Da hört Marry, wie die Kurokawa-Bruderschaft sich von der anderen Seite dem Zaun nähert und rennt los. „Okay, tschüss dann!”, ruft sie zurück, bevor sie hinter der nächsten Straßenecke verschwindet. Sie läuft im Zickzack durch verschiedene Gassen, so weit und so lang sie kann und versucht dabei, ihre Schmerzen zu ignorieren. Erst als der Güterbahnhof in weiter Ferne liegt, bleibt sie keuchend stehen. Sie blickt zurück. Niemand ist hinter ihr. Sie ist in Sicherheit. Zumindest vorerst… 

 

KAPITEL V: PATCHWORK FAMILY

„Zero. Du verdammter Wichser. Du verdammter Feigling. Du verdammter…” Marry bewegt sich erschöpft und gebrochen durch die Nacht von Distrikt 19. Nur immer weiter weg von dem Ort, an dem Zero sie im Stich gelassen hat. Und möglichst immer weiter dorthin, wo sie sich in Sicherheit wähnt. Marrys rechte Hand schmerzt immer noch sehr, von dem Schlag gegen die harte Kurokawa Maske. 

Irgendwann beschleicht sie das Gefühl, verfolgt zu werden. Es könnten ja überall noch Kurokawas oder Kenshos herumlaufen, denkt sie. Ihr Verfolgungswahn wird immer stärker und Panik steigt in ihr auf. Sie hört auf einmal Schritte hinter sich und erhöht ihr Tempo. Doch als die Schritte immer näher kommen, dreht sie sich blitzschnell um und schwingt unter Schmerzen ihr Holzkatana ins Leere. “Ahhh.. Aua!” Denn unten vor ihr hockt der kleine Panda. „Was willst du?” Der kleine Panda rollt herum. “…ich kann mich nicht um dich kümmern. Du bringst nur Probleme mit dir! Außerdem…hasse ich pelzige Haustiere. Nichts für ungut.” Marry geht einfach los, doch der Panda dackelt ihr hinterher. „Verdammt, bist du dumm?” Sie schiebt ihn mit ihrem Fuß weg, als würde sie ihn nicht anfassen wollen. Dann geht sie weiter, aber sie wird den Panda einfach nicht los. Er läuft ihr von hinten immer wieder gegen ihre Füße. Da dreht Marry irgendwann durch und schreit: „Ich schwör, ich trag dich gleich als Schlüsselanhänger!” Dabei tritt sie ihn mit voller Wucht, sodass er im hohen Bogen in eine Gasse fliegt. Der Panda fällt scheppernd in einen Haufen Mülltonnen. „Das hast du dir selbst eingebrockt!”, ruft Marry ihm hinterher, während sie sich schnellen Schrittes davon macht. 

Es wird bereits wieder hell, als sie das Haus ihrer Oma erreicht. Sie ist erschöpft, aber immerhin ist sie den Panda losgeworden. Sie schaut sich kurz um, dann klingelt sie. Bei ihrer Oma fühlt Marry sich wohl und geborgen. Sie hatte Zero direkt durchschaut, denkt Marry. Schlaue Frau. Und während Marry darüber nachdenkt, schießt ihr neuer Gedanke durch den Kopf: „Was ist, wenn die Kurokawa-Bruderschaft mich hier aufspürt?” Ihre Oma könnte dadurch auch in Gefahr geraten. 

Als Marrys Oma die Tür öffnet, steht zu ihrer Verwunderung niemand da. Marry ist bereits weitergezogen. 

Sie muss woanders unterkommen. Aber wo? Zurück zu ihrer Mutter? Nein, genauso gefährlich. Ihr Vater hatte die Familie verlassen, als Marry erst acht war. Sie weiß nicht mal, in welches Distrikt. Zur Polizei? Auch nicht. Denn die Gangs haben die Polizei hier fest in der Hand. 

In einem ruhigen Park setzt Marry sich vor Erschöpfung auf eine leere Bank. Noch ist es so früh, dass kaum ein Mensch unterwegs ist. Gerade als sie sich hinsetzt, bereut sie ihre Entscheidung, denn schlagartig wird sie müde. Extrem müde. Sie merkt erst, dass sie eingeschlafen ist, als sie zwei Stunden später mit großem Schrecken wieder aufwacht. Doch ihr ist nichts passiert. Niemand hat sie im Schlaf aufgespürt außer… ein Panda, der auf ihrem Bauch liegt. „Panda!”, ruft sie so laut, dass ein paar Fußgänger sich zu ihr umdrehen. Marry ballt ihre rechte Faust und will das Spirit Animal schlagen, doch da bemerkt sie auf einmal, dass ihre Hand nicht mehr weh tut. „Was? Wie ist das möglich?” Der Panda pustet auf ihre Hand. „Hmm… du hast meine Hand geheilt? Können Spirit Animals sowas? Bei den Kurokawas… als ich wieder auf die Beine gekommen bin… warst du das etwa auch?” Der Panda wackelt mit dem Kopf und macht Geräusche. „Naja, vielleicht bist du ja doch ganz nützlich.” Der Panda macht einen Sprung auf den Boden und grunzt. „Verrückt, es ist als würde ich dich verstehen… Du hast Recht, hier können wir schon mal nicht bleiben.” Sie springt auf und merkt, dass ihr Körper immer noch schmerzt. „Ahh, hättest du nicht auch die anderen Wunden heilen können!?”, fragt sie, ohne eine Antwort zu erwarten. Sie geht los. „Komm, Panda!” 

Es gibt nur einen Ort, der ihr noch einfällt, wo sie niemand finden würde. West Yoko. Beim alten Wasserturm. 


Als Marry auf den Platz tritt, dauert es keine fünf Sekunden, bis die 7 Cycles sie wiedererkennen. Einer lässt beinahe sein Rad fallen vor Schreck. Ihr Peiniger ist zurückgekehrt. Will sie etwa noch mehr Prügel austeilen, denkt sich Ghost, der Anführer der Gruppe. Er ist mit 17 Jahren der älteste unter ihnen. Seine blonden, lockigen Haare stechen besonders heraus. Doch bevor einer von ihnen etwas sagen kann, packt Marry in ihre Tasche und wirft Ghost den Kompass zu. Er fängt ihn überrascht und starrt sie an. „Der gehört doch euch”, sagt Marry. Ghost ist irritiert und erfreut zugleich. Die Jungs werfen sich überraschte Blicke zu. Marry sagt mit ruhiger Stimme: „Tut mir leid wegen letztens. Ich bin zweimal auf denselben Bastard reingefallen.” 

Der kleine Pandabär hat sich inzwischen auf ein abgestelltes Fahrrad gesetzt und beobachtet die Situation mit zusammengekniffenen Augen. „Ich brauch einen Ort, an dem mich keiner findet. Nur ein paar Tage”, sagt Marry eindringlich. Die Cycles mustern Marrys Verletzungen, dann das Tier. „Oben ist safe.” Ghost deutet auf den alten Wasserturm. Marry nickt und geht an ihnen vorbei. 

Sie klettert hinauf und der Panda hinterher. Als sie die Luke öffnet und eintritt, staunt sie nicht schlecht. Zu ihrer Überraschung ist der Wasserturm zu einem kleinen, gemütlichen Lager umfunktioniert worden. Holzwände in unterschiedlichen Größen dienen als Raumtrenner, Tische und Stühle stehen willkürlich herum. Karten hängen an Wänden und Matratzen liegen überall verteilt. Sogar ein paar Lichterketten wurden aufgehängt, die eine gemütliche Atmosphäre spenden. Marry zieht sich eine der dünnen Matratzen in eine Ecke und legt sich hin. Der Panda rollt sich direkt neben ihrem Kopf zusammen und bietet sich als Kopfkissen an. Marry schiebt ihn instinktiv weg. Er rollt zurück. „Mann, Panda! Mist… ich kann dich nicht immer Panda nennen… hmm … wie nenne ich dich…?” Er hat auf magische Weise ihre Wunden geheilt und sie wieder auf die Beine gebracht. Marry streicht ihm kurz über den Kopf. „Du hast mich ganz schön zusammengeflickt, hm?” Ein kleines Lächeln huscht über ihr Gesicht. „Patch.” Der Panda schließt zufrieden die Augen. Marry schläft auf seinem Bauch ein. 

Als sie am nächsten Tag aufwacht, hört sie die Stimmen der Jungs. Sie tuscheln und beraten, was sie machen sollen. Doch viel mehr beschäftigt Marry, dass sie nun überhaupt keine Schmerzen mehr am Körper hat. Sie schaut fragend zum Panda. 

„Na, bist du endlich wach? Wir dachten schon, du würdest nie wieder aufstehen.” Marry dreht sich um. Es ist ein Cycle namens Mykel: „Ich hab noch nie jemanden sooo lange schlafen sehen. Das waren bestimmt 20 Stunden!” Marry springt auf. „Hast du mir etwa beim Schlafen zugeguckt, du Creep?” Patch springt in Kampfstellung. Ghost mustert Marrys teils aufgerissenen und blutigen Klamotten und fragt: „Wer war das?” „Kurokawa”, antwortet sie kühl. Die Jungs werden plötzlich nervös. „Kurokawa??!!”, ruft ein Rothaariger mit dem Namen Sino. „Scheiße, wenn die sie suchen, dann sind wir alle am Arsch!” Marry möchte ihr Versteck nicht aufgeben und entgegnet: „Hier findet mich doch niemand. Ich verlasse den Wasserturm nicht und mache keinen Ärger. Nur bis ich mir was überlegt hab, dann bin ich weg.” Ghost hat Mitleid mit Marry. „Ich sage, sie bleibt noch ‘ne Weile. Außerdem hat sie recht. Hier kommt niemand hin. Dieser eine Typ letztens mit dir…” Marry unterbricht scharf: „Zero? Verräterischer Bastard.” Ghost spricht weiter: “Okay. Also der verräterische Bastard, war der erste Kensho, den wir je bei uns gesehen haben. Die großen Gangs interessieren sich nicht für uns. Wir sind hier sicher.” Die 7 Cycles nehmen es gemischt auf, aber Marry ist erleichtert, dass sie hier bleiben kann. 

Einige Tage vergehen und Marry fühlt sich mittlerweile sehr wohl hier. Es gibt fließend Wasser, das durch Rohre von einer stillgelegten Fabrik nebenan umgeleitet wurde, inklusive Dusche und Toilette. An den Wänden lassen sich kleine Holzpaneele öffnen, sodass man aus dem Turm hinaus über die Stadt schauen kann. Marry hat noch nie in ihrem Leben von so weit oben über Blackridge schauen können. Sie kann sogar die hohen Wolkenkratzer der großen Firmen von Distrikt 11 in der Ferne erkennen. 

Auch die 7 Cycles hat sie inzwischen besser kennengelernt. Sie sind allesamt Straßenkinder, die ihr Elternhaus entweder verlassen haben oder nie eines hatten. Jeder von ihnen hat unterschiedliche Stärken. Sino ist ein begnadeter Koch, Mykel hat gelernt zu tätowieren und Ghost ist der geborene Anführer. Alles, was sie zum Leben brauchen, klauen sie sich geschickt zusammen. Sie kennen die Gegend, mit all ihren Gassen, leerstehenden Kellern und sogar den Kanalisationen in- und auswendig. Marry kann vom Wasserturm beobachten, wie die Cycles ihre kleinen Diebstähle in der Umgebung durchführen und ist beeindruckt davon. Wie kleine Mäuse verschwinden sie mit ihrer Beute durch die Gullis und Gassen. Sie zieht mit ihrem Zeigefinger imaginäre Linien und murmelt dabei: „Von hier bis da ist Kensho Gebiet, und dort beginnt das Gebiet der Hachis. Mal gucken, wer von beiden zuerst zurück gedrängt wird, momentan eskaliert es ja richtig zwischen denen. Und ganz da hinten: Distrikt 16 bis 18, alles Kurokawa Gebiet. Also bleibt schön weg von meinem Distrikt. Und irgendwo da draußen versteckt sich auch eine absolute Null-Nummer namens Zero, den ich eines Tages umbringen werde.” 


Drei Wochen sind bereits vergangen. Eines Abends sitzt Marry mit den Cycles am Esstisch, wo Sino aus den zusammengeklauten Lebensmitteln mal wieder ein Abendessen gezaubert hat. Wie immer haut Marry sich zur anhaltenden Bewunderung der Cycles enorm viel Chilli auf ihre Portion. Patch liegt müde auf Marrys Schoß und kaut zufrieden. Sino schaut zur offenen Vorratskiste. „Sag mir bitte, dass Patch nicht schon wieder unsere Vorräte geklaut hat.” Marry blickt zu Patch. „Er wirkt unschuldig.” Einer der 7 Cycles seufzt. „Ist eh kaum noch was zu holen. Kensho im Süden, Hachis im Norden und wir mittendrin! Unsere Wege werden immer beschissener. Seitdem die beiden Gangs sich so offen bekämpfen, ist es echt an jeder Ecke gefährlich geworden.”.Marry schaufelt sich ihre Portion hinein: „Im Verstecken und Weglaufen seid ihr Meister… aber sobald euch einer erwischt, seid ihr komplett am Arsch.” Mehrere Blicke richten sich auf sie. „Was?” Ghost erwidert: „Stimmt schon. Und was schlägst du vor, Marry?” „Ich trainier euch”, grinst Marry und lehnt sich zurück. „Ihr müsst nicht wie Kenshos werden, aber ihr solltet euch wenigstens gegen ‘nen Kensho wehren können.” Mykel nickt langsam vor sich hin. „Ja… also wenn uns einer kämpfen beibringen kann, dann wahrscheinlich du.” Ghost überlegt kurz. „Und was willst du dafür?” Marry zeigt mit dem Löffel auf ihn. „Eure Wege. Dächer, Hinterhöfe, Abkürzungen. Ich will mich in den Distrikten unsichtbar bewegen können. So wie ihr.” Ghost streckt ihr die Hand hin. „Deal.” Marry schlägt ein. In dem Moment springt Patch auf den Tisch, schnappt sich Sinos letztes Stück Fleisch und rennt davon. „DU FETTES ARSCHLOCH!”, schreit Sino. Marry sieht ihm nach. „Okay. Sino trainieren wir zuletzt.“ 


Noch am selben Tag beginnt das Training für die 7 Cycles. Marry hat Spaß daran, ihnen weiterzugeben, was sie bei ihrem Schwertkampftraining gelernt hat. Den Fortschritt der Jungs zu beobachten bereitet ihr Freude. Vor allem, weil sie schon lange keinen Fuß mehr nach draußen gesetzt hat und ihr jede Abwechslung willkommen ist. Nach 4 Monaten sind die Cycles geschickt und selbstbewusst im Umgang mit dem Schwert geworden. Gleichzeitig kennt Marry nun genug geheime Wege, um sich nach langer Zeit zum ersten Mal aus ihrem Versteck zu wagen. 

Als erstes besucht sie ihre Oma, dann ihre Mutter und schließlich ihre beste Freundin Nana. Über einige Tage hinweg kann sie so ihren Vertrauten zeigen, dass es ihr gut geht und sie sich keine weiteren Sorgen mehr machen brauchen. Bei jeder Exkursion vom Wasserturm weg, achtet Marry darauf, sich ungesehen zu bewegen. Denn man kann nie genau wissen, wo die Kurokawa Bruderschaft ihre Augen hat. Denn sie suchen weiterhin nach ihr und dem Spirit Animal. Aber sie geht das Risiko weiterhin ein, denn sie hat ein Ziel, das ihr keine Ruhe lässt: Zero. 

Lange bleibt die Suche erfolglos. Nicht einmal die 7 Cycles schaffen es, über ihre Quellen Informationen zu beschaffen. “Eure Detektiv Skills reichen wohl einfach nicht aus.” Marry fällt nur eine Person ein, die ihr vielleicht noch helfen könnte, eine verschollene Person aufzufinden. Doch allein bei dem Gedanken an seine Stimme bekommt sie Aggressionen. 


„Marryyyyy. Na, das ist ja mal ‘ne Überraschung”, ruft Tatsuya, als er Marry vor seiner Haustür stehen sieht. Seine hohe Kopfstimme löst sofort Kopfschmerzen bei Marry aus. „Dich hab ich gar nicht mehr gesehen bei meinen letzten Schulbesuchen. Schön, dass du mich nicht vergessen hast”, freut sich Tatsuya mit seinem breiten Grinsen und zückt sofort sein Diktiergerät. Da ertönt aus ihrem Rucksack, in dem sie Patch versteckt hat, ein Schnauben. „Was hast du da im Rucksack?” fragt Tatsuya. Marry stößt einen Seufzer aus, „Deine Mutter!”, sagt Marry, stößt ihn weg und geht in seine Wohnung hinein. „Unwahrscheinlich. Die lebt in Ashwick”, sagt Tatsuya und folgt ihr. 

Das kleine Appartment ist übersät von technischem Krempel, selbst zusammengebauten Geräten und unverhältnismäßige viele Kaffee-To-Go-Bechern. „Blackridge schläft nie, also tu ich’s auch nicht”, rechtfertigt sich Tatsuya sofort. „Hab gar nicht gefragt”, antwortet Marry trocken. „Du…bist doch so ein guter Investigierender…” Tatsuya unterbricht: „Investigativ Journalist. Ich weiß, schwere Worte, aber auch… beeindruckende Worte.” Marry verdreht die Augen und sagt: „Also, jemand, der auch gut Leute aufspüren kann? “Natürlich!” sagt er stolz. “Ich bräuchte deine Hilfe, um Zero zu finden.” „Zero? Komischer Vogel. Ist plötzlich verschwunden, was ihn im Fall Lora äußerst verdächtig gemacht hat. Also habe ich ihn aufgespürt und festgestellt: Er und Lora sind sich nie begegnet… Daher wollte ich…” „Wo ist Zero jetzt?”, wirft Marry energisch ein. „Wieso? Stehst du etwa auch auf ihn? Was wollt ihr nur alle von diesem Kerl?” „Also ich will ihn umbringen.” “„Ja, das hab ich mir…warte, waaas??” „Behalt’s für dich. Sagst du mir jetzt, wo er ist?”, fordert Marry bedrohlich. Tatsuya schnauft. „Ich muss darüber nachdenken. Gib mir einen Moment.” Er dreht sich weg von ihr. und aktiviert sein Diktiergerät. „Marry Twyne erbittet meine Hilfe in einer hochkomplexen Angelegenheit. Einerseits wäre sie mir das vollumfängliche Interview schuldig, dem sie sich bisher immer verweigert hat. Andererseits auf moralischer Ebene sollte ich wohl nicht…” PAM! Tatsuya zuckt zusammen. Marry hat seinen Tisch halbiert. „Es ist ernst, Tat-Loser!“ Tatsuya schaut erst auf den Tisch, dann langsam zu Marry. „Zero versteckt sich in Wohnanlage 341, Block C, Distrikt 21. Elfter Stock, Wohnung 37. Hinterhofseite. Der Name an der Klingel ist falsch.” Mehr braucht Marry nicht. Sie dreht sich sofort um und verschwindet zur Tür hinaus. Tatsuya sieht ihr hinterher, dann wieder auf seinen halb zerstörten Tisch. Ganz vorsichtig startet er die Aufnahme. „Zusatznotiz: Marry Tywne schuldet mir einen neuen Schreibtisch.” 


Sofort macht sich Marry mit Patch im Rucksack und einer Kapuzenjacke, um sich unauffälliger zu machen, auf den Weg ins Distrikt 21. Die Fahrt in der Schwebebahn ist lang. Genug Zeit, um sich genau auszumalen, wie sie Zero fertig machen wird. Sie hatte sich schon so oft vorgestellt, was sie mit Zero anstellen würde. Jede erdenkliche Art, jemanden umzubringen, war dabei. Dann ist er über die letzten Monate fast komplett aus ihren Gedanken verschwunden.

Die Umgebung wird immer heruntergekommener. Sogar noch heruntergekommener als in ihrem Distrikt. Die Wohnanlage 341 befindet sich zwischen grauen Wohnblöcken und insolvent gegangenen leerstehenden Geschäften. Marry geht in das Gebäude hinein. Der Aufzug ist kaputt. „Natürlich…bestimmt auch seine Schuld! Scheiß Zero!” Schnaufend nimmt sie die Treppe. Als sie endlich im elften Stock ankommt, steht sie vor einer ramponierten Haustür. An der Klingel steht Hero. „Na klar, was denn sonst?”, denkt Marry. Nun steht sie vor seiner Tür. „Also gut. Los geht’s.” Sie ist gerade drauf und dran, die Tür einzutreten, da ertönt hinter ihr eine Stimme. „M-Marry?” Sie dreht sich um und sieht Zero am anderen Ende des Flurs. Er hält eine Plastiktüte mit Einkäufen in der Hand. Eigentlich sieht er aus wie immer. Die Kleidung wirkt ausgewaschen und leicht abgeranzt, die Haare liegen, als wäre er gerade aufgestanden. Er sieht in seiner Statur kümmerlich aus. „Unglaublich, dass ich das mal anziehende fand”, denkt Marry sich. 

Zero braucht einen Moment, um überhaupt zu begreifen, dass Marry wirklich vor ihm steht. Dann fällt sein Blick auf die beiden Katanas an ihrer Hüfte. Er lässt seine Tüte fallen, dreht sich um und will wegrennen. Aber Patch versperrt ihm den Weg und knurrt ihn an. “Das ist mein Spirit Animal. Mit dem würd ich mich nicht anlegen.” sagt sie. Zero dreht sich langsam wieder zu ihr um. „Marry, ich… weißt du… Hör mir erstmal…“ „Maul!“ Sie geht langsam auf ihn zu. Zero kann nicht weiter zurückweichen wegen Patch. „Ich wollte das damals nicht. Das war… falsch. Das weiß ich… Ich hab mich geändert. Wenn ich gewusst hätte, dass…” „Ach, du wusstest also nicht, dass zwanzig Typen mit Schwertern gerade auf mich einschlagen und mich womöglich umbringen?” Zero sucht nach einer Antwort, “Ich… ich hatte keine andere Wahl!!” „Wow. Selbst im Angesicht des Todes kannst du nicht für dich einstehen. Sei doch wenigstens ehrlich. Ich war dir egal. Mein Tod war dir egal! Hauptsache du kommst davon!” 

„Es…tut mir leid… Wirklich! Ich bin ein Niemand… Hätte ich gewusst, dass du so…. krass wirst…“, stammelt er vor sich hin. Marry ist einfach nur angewidert von ihm. Sie greift in ihre Tasche. „Hey Zero. Erinnerst du dich noch an meinen Coin? Du weißt schon. Unser kleines Spiel von damals.” An Zeros Blick ist zu erkennen, dass er sich natürlich erinnert. „Ich würd’s gern nochmal spielen.” Zero starrt sie misstrauisch an. „Keine Sorge”, redet sie weiter. „Hab nur ’ne Kleinigkeit an den Regeln geändert.“ Sie schnippt die Münze in die Luft, die daraufhin auf dem Boden zwischen ihnen beiden landet. Zero blickt darauf. Seine Augen werden groß. Dort, wo früher auf beiden Seiten Kiss eingraviert war, steht jetzt auf der Seite, die oben liegt das Wort KILL. Marry grinst. „Hab ’n bisschen dran rumgefeilt. Kontrolle ist auf Dauer halt langweiliger als Zufall.” Sie zieht blitzschnell ihre beiden Katanas vom Rücken und hält sie ihm über Kreuz an den Hals. Zero zuckt zusammen. „Marry, bitte“, fleht er. „Ich hab Scheiße gebaut. Ich weiß das. Ich wollte nicht, dass dir etwas passiert. Ich hatte einfach nur Schiss. Ich bin…“ „Du bist was?” Marry drückt die beiden Klingen diagonal zusammen, sodass sie fast seinen Hals berühren. „Sprich dich aus.” „...meinem Namen gerecht geworden.”

Marry sieht ihm direkt in die Augen und erkennt nichts als Selbstmitleid. Eigentlich wäre das der perfekte Moment, um dem Leiden ein Ende zu setzen. Aber plötzlich zieht Marry die beiden Klingen zurück. „Krass”, sagt sie, von sich selbst überrascht. „W-was?”, wimmert Zero. „Weißt du, die ganze Zeit dachte ich, ich will dich finden und fertig machen, für das, was du mir angetan hast. Für das Leid, das ich wegen dir hatte. Aber weißt du was? Ohne dich hätte ich wohl nie mein Spirit Animal gefunden. Oder nun meine eigene Gang gehabt. Von daher muss ich dir wohl sogar danken. Danke, Zero, dass und mich zu der gemacht hast, die ich jetzt bin. Denn ich mag mich, so wie ich nun bin.” 

Marry zieht ihre Schwerter zurück, dreht sich um und geht. Sie fühlt sich erleichtert. Nicht einfach weil sie Zero die Meinung gesagt hat, sondern weil sie realisiert hat, dass sie sich niemals wieder schlecht fühlen muss wegen ihm. 


Auf dem Rückweg zum Wasserturm fühlt sich Marry zum ersten Mal seit Langem leicht, trotz des Gewichts von Patch in ihrem Rucksack. Mit gestärktem Selbstbewusstsein und tief ins Gesicht gezogener Kapuze bewegt sich Marry durch die Straßen. „Könnte schlechter laufen!” denkt Marry gewitzt. Doch schon einige Straßen vor dem Versteck bleibt sie stehen. Über den Dächern hängt schwarzer Rauch. „Nein…” Marry wird schneller. Dann sieht sie das Feuer. Der Wasserturm steht in Flammen. Sechs schwarze Wagen blockieren die Straße. Männer mit weißen Masken laufen zwischen den brennenden Häusern umher. Die Kurokawa Bruderschaft. Patch knurrt neben Marry. Sie starrt auf das Versteck. Gedanken schießen ihr durch den Kopf: “Bin ich daran Schuld? Hat mich jemand gesehen auf dem Weg zu Zero? Wo sind die anderen…?“ Für einen Moment bekommt sie keine Luft. “Sind sie noch drin? Sind sie alle tot?” 

Dann entdeckt sie Sino. Zwei Kurokawas zerren ihn auf die Straße. Der eine hat eine leichte Delle in der Maske, die an der Marry sich damals ihre Hand gebrochen hat. Sie macht einen Schritt nach vorne. „Sino…” Da erkennt sie, dass die Kurokawas seinen Leichnam herausziehen. Marrys Augen werden groß. „NEIN!” Marry schreit auf und reißt beide Schwerter aus den Scheiden. „ICH BRING EUCH UM!” Sie will losstürmen, doch plötzlich schlingt sich ein Arm von hinten um sie. „Marry, halt die Fresse!” Ghost. Noch bevor sie reagieren kann, zieht er sie rückwärts hinter eine Mauer. Marry schlägt um sich. „LASS MICH LOS! SIE HABEN SINO GETÖTET!” „ICH WEISS!” Ghost zieht Marry durch einen Gulli mit hinunter in die Kanalisation. 

Unter der Straße warten die anderen 7 Cycles. Verletzt, dreckig, völlig außer Atem. Aber am Leben. Marry sieht in ihre Gesichter und erkennt nichts als Schmerz und Trauer darin. Die Kurokawas ihr Versteck gefunden und haben alles auseinandergenommen, auf der Suche nach Patch. Über ihnen brennt ihr Zuhause nieder. „Wir was tun! Wir müssen zurück.”, schießt es aus Marry heraus. Ghost packt sie an den Schultern. „Nein. Genau das wollen die.” Marry stößt seine Hände weg. Ihre Augen sind noch immer auf den Gulli Einstieg gerichtet. Sie hatte geglaubt, endlich mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen zu haben. Doch jetzt gibt es nur noch einen Gedanken in ihrem Kopf. „Ich versteck mich nicht mehr vor denen. Wir müssen sie bekämpfen!”

 

KAPITEL VI: KISS OR KILL 

Ein maskierter Mann der Kurokawa Bruderschaft rennt durch die Kanalisation von Distrikt 19. Seine Schritte hallen durch die engen Tunnel, bis er plötzlich gezwungen ist, stehen zu bleiben. Denn vor ihm endet der Weg. „Scheiße.” Da ertönt hinter ihm eine Stimme: „Endstation” Der Kurokawa dreht sich um. Marry steht am anderen Ende des Ganges. Drei Monate sind seit dem Tod von Sino vergangen und die nun 18-jährige Marry hat sich verändert. Viele neue Tattoos ziehen sich über ihre Arme und Beine, ein schmales weißes Pflaster klebt quer über ihrer Nase und an ihrer rechten Hand steckt ein schwerer Schlagring. Genau über den Knöcheln, die sie damals an der Fuchsmaske in der Lagerhalle fast gebrochen hatte. Der Kurokawa erkennt sie. „Split Eye…” Marry seufzt. „Ich hasse diesen Namen… “ Hinter ihr tauchen Ghost, Mykel und die anderen Cycles aus mehreren Seitengängen auf. Der Kurokawa zieht sein Katana. Der Kampf dauert keine drei Sekunden. Als es vorbei ist, liegt er bewusstlos im Wasser. 

„Solange der Kurokawa Boss lebt, hört das nie auf.” An einem anderen Ort in der Kanalisation, der wie ein flüchtiges Lager aussieht, breitet Marry eine Karte von Blackridge aus. Patch setzt sich mitten darauf. „Runter”, schimpft Marry. Aber Patch hört nicht drauf. Mykel braucht einen Moment. „Du willst den Kurokawa Boss töten?” „Jup.” Kurze Stille. „Wir töten niemanden. Nur in Notwehr. Nur wenn wir angegriffen werden.” sagt Ghost. „Solange der Kurokawa Boss lebt, hört das nie auf.” Marrys Worte sind klar. Ghost schaut auf die Karte. „Hm, du hast Recht. Aber der verlässt Distrikt 16 nie.” Marry deutet auf Patch. „Für ihn schon.” Der Panda hebt den Kopf und Marry streichelt ihn. „Du musst da übrigens nicht mitmachen. Wenn du keinen Bock hast, finden wir was anderes.” Patch steht auf, läuft einmal über die Karte und setzt sich direkt auf Distrikt 16. Marry grinst. „Okay. Psychopath. Aber so weit wird er mit dir gar nicht erst kommen.” Sie reißt einen Streifen von der Karte und kritzelt ein paar Worte darauf: 


An den Boss der Kurokawa Bruderschaft

Es reicht! Wir können nicht mehr. Dieses Blutvergießen muss ein Ende haben. Du hast gewonnen. Du willst deinen Panda zurück, wir wollen Frieden. Unser altes Lager. In vier Tagen. Zwölf Uhr. Komm selbst! 

- Marry


Sie faltet den Zettel, geht zu der Stelle, wo der bewusstlose Kurokawa auf dem Boden liegt und steckt den Zettel in seine Jacke. Ghost verfolgt das Ganze misstrauisch: „Selbst wenn er kommt, bringt der nicht fünf Leute mit. Der bringt fünfzig.” „Deshalb brauchen wir auch mehr Leute.” Marry rollt die Karte zusammen. „Leider kenn ich da welche.” 


Drei Tage später hält ein geklauter Lieferwagen vor dem Lager der Kenshos. Die Hintertür geht auf und vier gefesselte Männer fallen übereinander auf den Asphalt. Hachis. Es sind genau die vier, die damals zu Slicers gescheiterten Verhandlungen im Restaurant erschienen waren. Die 7 Cycles hatten ihnen eine falsche Nachricht über ein unbewachtes Kensho-Waffenlager zugespielt und sie anschließend in einer stillgelegten Tiefgarage eingesperrt. Der Rest lag bei Marry. Innerhalb von wenigen Sekunden lagen die Hachis auf dem Boden und wurden gefesselt. “Bisschen Training”, wie sie es nennt. 

Slicer tritt aus dem Lager und bleibt wie angewurzelt stehen. Hinter ihm erscheinen mehrere Kenshos. Dann der Boss Daigo. Marry springt vom Beifahrersitz. „Hi. Lang nicht mehr gesehen. Wie geht’s denn so?” “Du!”, schreit Slicer. Doch bevor er weiter spricht, wandert sein Blick runter zu den Hachis. „Was zum Fick…” Einer der Hachis hebt den Kopf. Es ist derselbe Mann, der Slicer damals angepisst hatte. Trotz seiner aufgeplatzten Lippe grinst er. „Na, Slicer? Wieder trocken?” 

Slicer erwidert das Grinsen. „Immer noch so ‘ne große Fresse, huh? Aber die wird dir gleich vergehen.”

Slicer öffnet seine Hose. Daigo verdreht nur leicht die Augen. Marry sieht weg. „Okay. Das klären die wohl gerade privat.” 


Kurz darauf sitzen sich Marry und Daigo im Kensho Lager gegenüber. Slicer kommt zurück und setzt sich dazu. Deutlich entspannter. „Jetzt können wir reden.” Daigo sieht Marry lange an. „Du hast einige meiner Leute zusammengeschlagen. Du hast dafür gesorgt, dass die Hachis noch mehr eskaliert sind.” „Ist ein bisschen her. War ja auch keine Absicht und so.” Slicer schlägt mit der Hand auf den Tisch und ruft: „GLAUB JA NICHT, DASS ICH ALLES VERGESSEN HAB!” „Ja, merk ich.” Daigo ignoriert Slicer. „Was willst du?” Marry wird ernst. „Den Boss der Kurowaka Bruderschaft.” Der Satz reicht, damit es ruhiger wird. Marry fährt fort: „Er muss sterben. Nur so ziehen sich die Kurokawas zurück.” Slicer fängt an zu lachen. “Ich hab mir schon gedacht, dass du verrückt bist, Mädchen. Aber das ist geisteskrank!” Marry ignoriert ihn und fährt fort: „Ihr Boss kommt übermorgen nach Distrikt 19. Persönlich. Dafür hab ich gesorgt.” Daigo verzieht keine Miene. „Warum sollte er?„ „Weil ich ihm gesagt hab, dass er sein Spirit Animal zurückkriegt. Nur dafür würde er jemals Distrikt 16 verlassen Und er hat es bestätigt.” Slicer lehnt sich nach vorne. „Und warum sollten wir DIR helfen?” Marry deutet auf den anderen Raum, in dem die vier Hachis am Boden liegen. „Das da war mein kleines Friedensgeschenk.” „Wir schließen keinen Frieden mit dir.” sagt Slicer kühl. „Perfekt. Wollte ich auch nicht.” Daigo mischt sich ein: „Und mit wem die Kenshos Vereinbarungen treffen, entscheide immer noch ich.” Sein todernster Blick lässt Slicer verstummen. Dann sieht er wieder zu Marry. „Sag, was du zu sagen hast.” 

Sie legt die Karte auf den Tisch. „Die Kurokawa Bruderschaft wird immer größer. Während ihr euch mit den Hachis gegenseitig kaputt macht, nehmen die sich Gebiet für Gebiet. Ihr wollt wieder die Nummer eins hier sein? Dann haben wir übermorgen die wahrscheinlich einzige Chance, die Kurkokawas zurückzudrängen.” Daigo ist noch nicht überzeugt: „Die Bruderschaft hat deutlich mehr Kämpfer als wir.” “Das ist glatter Selbstmord!!”, fährt Slicer wieder dazwischen. Aber Marry hält dagegen. „Niemand muss kämpfen. Ihr müsst einfach nur Stärke zeigen. Durch eure Anwesenheit. Ansonsten haben wir nicht genug gegen die in der Hand. Ich muss nur an den Boss ran kommen, dann kann ich der Schlange den Kopf abschlagen.” Während Daigo darüber nachdenkt, schnaut Slicer. „Und danach sind wir plötzlich Freunde?” Marry schaut ihn an. „Ewiger Gott, nein.” Daigo muss fast lächeln. Dann beugt er sich über die Karte. „Die nehmen uns nicht unser Distrikt weg.” Ein Nicken von Daigo reicht und die Abmachung zwischen den 7 Cycles und den Kenshos steht. Slicer zeigt auf Marry. „Wenn das schiefgeht… “„Dann bringst du mich um. Weiß ich. Lange Warteliste,” antwortet Marry augenrollend und macht sich aus dem Staub. 


Ein Tag später ist es soweit. Marry kehrt zum ersten Mal seit Monaten zum alten Wasserturm zurück. Von dem einst gemütlichen Zufluchtsort steht nur noch das schwarze, ausgebrannte Gerippe. Sie hat sich noch einen letzten Moment genommen, durch das verbrannte Lager zu gehen. Es ist fast nichts mehr übrig. In einer Ecke liegt ihr altes, halb verkohltes Holzkatana. Marry nickt ihrer alten Waffe zu, als würde man einer vergangenen Bekanntschaft Respekt zollen. Dann klettert sie auf eine übrig gebliebene Plattform, von der sie über den ganzen Platz sehen kann. Die Cycles haben sich unten zwischen den Ruinen verteilt, während Patch bei Marry sitzt. Alle warten mit großer Anspannung auf das, was auf sie zukommen wird. „Da sind sie”, berichtet Marry den anderen Cycles durch ein Walkie Talkie. Einer nach dem anderen rollen schwarze Wagen auf das Gelände. Aus neun großen Merhsitzern steigen weiß maskierte Anzugträger aus und verteilen sich auf dem Platz. Marry zählt: „Über sechzig!” „Scheiße, sogar mehr als ich dachte”, sagt Ghost nervös in sein Walki Talki. „Keine Sorge Ghost, bleibt sichtbar. Die tun uns erstmal nichts.” Ein kleinerer Wagen bleibt ungeöffnet und durch die getönten Scheiben erkennt man nichts. „Da muss der Kurokawa Boss drin sitzen”, sagt Marry. Schließlich ruft einer der Maskierten nach oben zu Marry: „Keine Tricks, klar? Bringt das Tier runter!” Marry stützt die Arme auf das Geländer. „Ich spreche nur mit eurem Boss persönlich.” Keine Reaktion aus dem Wagen. „Ist er da drin? Ganz schön schüchtern für ’nen Gangboss”, stichelt Marry. „Wenn er Angst vor mir hat, ist okay! Dann behalt ich den Panda einfach. Ansonsten soll er rauskommen.” Der Kurokawa ruft zurück: „Du hast keine Forderungen zu stellen. Ihr seid lächerlich in der Unterzahl. Ihr 7 Cycles…” „Ha, wir sind mehr als sieben!”, sagt Marry als wäre es Beleidung. 

Plötzlich ertönt ein schrilles Aufheulen zahlreicher Motorräder, die sekündlich lauter werden. 

Etwa dreißig Kenshos fahren in einer Halbkreis-Formation auf dem Platz vor. Mit dieser Verstärkung für Marry hat die Bruderschaft offensichtlich nicht gerechnet. „Kenschos!”, sagt der Kurokawa, der gerade noch seine Forderungen an Marry weitergetragen hat. 

Jetzt öffnet sich endlich die hintere Tür des kleineren Wagens. Der Boss steigt aus, mit seinem edlen Mantel, der seinen muskulösen Oberkörper zeigt. Er wirkt, als würde er jedem seinen Körper mit Freuden zeigen wollen. Seelenruhig zieht er die goldene Maske von seinem Gesicht und blickt Marry tief in die Augen. „Der letzte, der mir Angst unterstellt hat, bekam danach seine eigene Zunge zum Fressen vorgesetzt, bevor er starb.” sagt er mit seinem jugendhaften Lächeln. Er klingt keineswegs bedrohlich, während er spricht, eher nostalgisch, als würde er eine schöne Erinnerung mit Marry teilen.

Sie hält seinem Blick stand. „Wenigstens ‘ne  gute Henkersmahlzeit.”, kontert sie. 

Der Boss sieht zu Patch. „Komm runter Spirit Animal. Du weißt, dass du mir gehörst.“ Marry tritt auf die Kante der Plattform. „Sag bitte.” Der Mann schweigt. Marry wartet demonstrativ. „…Bitte”, sagt er schließlich mit einem überaus freundlichen, falschen Grinsen. „Geht doch.” Sie springt herunter und landet heroisch auf den Boden. Auf einmal knallt Patch von oben gegen ihren Kopf und zerstört ihren Auftritt. Marry schnaubt „Patch, wir haben das geübt!” Patch senkt traurig den Kopf. Der Boss macht große Augen beim Anblick des Spirit Animals und streckt die Arme und grinst vor Freude. „MEIN SPIRIT ANIMAL!” „Freu dich nicht zu früh. Nach ‘nem Tag wirst du so genervt sein, dass du ihn zurückgeben willst.” Patch guckt Marry echauffiert an. 

Marrys Aufmerksamkeit bleibt beim Boss der Bruderschaft: „Vergiss unsere Vereinbarung nicht: Patch geht mit dir. Dafür lässt Kurokawa die 7 Cycles und Distrikt 19 in Ruhe.”„Natürlich.” Marry geht vor Patch in die Hocke. Für einen Moment sieht sie ihn einfach nur an. „Nicht alles auffressen.” Patch legt beide Pfoten auf ihre Knie. Marry spricht mit lauter Stimme, sodass die Kurokawas es hören können: „Hier trennen sich unsere Wege also. Geh zu deinem neuen Herrchen. Und mach keinen Scheiß.” Patch blinzelt. „Also… keinen unnötigen.” Er dreht sich um und geht auf den Mann im Mantel zu. Der Boss öffnet die Autotür und Patch klettert unbeholfen hinein. Marry beobachtet, wie sich die Tür schließt. Der Boss bleibt noch einen Moment draußen. „Damit wäre unsere Sache beendet.” Der Mann steigt ins Auto. Dann senkt sich das Fenster noch einmal. „Ach ja, eins noch: Tötet sie. Tötet sie alle!” Sämtliche Kurokawas ziehen gleichzeitig ihre Schwerter. Marry stößt einen langen Seufzer aus. „Ja. Da isses.” Die ersten Maskierten stürmen mit ihren Katanas los. Der Großteil greift die Kenshos an und einige versuchen an die Cycles ran zu kommen. Slicer zieht sein Katana. „SCHEISSE! IHR WICHSER!” Die restlichen Kenshos ziehen ebenfalls ihre Katanas. Einige springen von ihren Motorrädern, um die ankommenden Feinde abzuwehren. Kenshos prallen frontal auf Kurokawas. Manche Kenshos fahren auf ihren Motorrädern ins Getümmel und schlagen im Fahren auf die Kurokawas ein, wie Reiter auf Pferden in alten Zeiten. Mehr als achtzig bewaffnete Männer kämpfen miteinander. Ein Bandenkrieg dieser Größe hatte Blackridge seit der Blutnacht vor 25 Jahren nicht mehr erlebt. 

Auch die 7 Cycles greifen nun an. Sie kämpfen aber völlig anders. Sie schlagen zu, verschwinden hinter Mauern und tauchen Sekunden später an einer anderen Stelle wieder auf. Vor drei Monaten wären sie bei der ersten gezogenen Klinge weggerannt. Jetzt zwingen sie, dank Marrys Training, selbst Kurokawas zurück. Mykel steht einem viel größeren Gegner der Kurokawas gegenüber. „Hey, Mister. Schonmal was von Hausfriedensbruch gehört?!” Der Kurokawa kann ihn gar nicht ernst nehmen und schlägt zu, aber Mykel rollt flink über den Boden hinter eine Mauer, sodass der Kurokawa seinen Rücken einem anderen Cycle frei gibt, der ihn mit seinem Katana ausschaltet. Überall auf dem Schlachtfeld fallen Mitglieder der Kenshos und der Kurokawas im Kampf. Die Cycles schaffen es hingegen, durch ihre besondere Kampftechnik und die einmaligen Kenntnisse der Umgebung weitestgehend unversehrt zu bleiben. 

In einer anderen Ecke, weiter weg vom Turm, kämpft Daigo zusammen mit Slicer und zwei anderen Kenshos gegen eine größere Gruppe von maskierten Gegnern. Sie werden eingekesselt, doch auch Ghost kämpft zufällig bei ihnen in der Nähe. Während ein Kurokawa zu einem Schlag auf Daigo ausholt, den er nicht mehr abwehren kann, schreit der Kurokawa plötzlich auf und fällt zu Boden. Dahinter steht Ghost, der den feindlichen Kämpfer von hinten erstochen hat. Daigo schaut Ghost an und Ghost schaut ihn an. Sie haben sich noch nie vorher gesehen, Daigo hat nicht mal von seiner Existenz gewusst. Der flüchtige Moment des Respekts verschwindet sofort wieder, als die beiden wieder in den Kampf mit weiteren Kurokawas verwickelt werden. Währenddessen versucht der Wagen des Kurokawa Bosses zusammen mit Patch sich seinen Weg aus dem Schlachtfeld zu bahnen. 


Marry schlägt zwei Fuchsmasken-Träger zurück und sieht aus dem Augenwinkel, wie der Wagen des Bosses an Geschwindigkeit gewinnt. Slicer ruft: „ER HAUT AB!” Marry, die gerade dem Wagen hinterherrennt, schreit zurück: „Tut er nicht.” Im Wagen sitzt der Boss lachend neben Patch. Er legt eine Hand auf seinen Kopf. „Haha. Endlich sind wir eins.” Patch schaut langsam zu ihm hoch. „Sieh es dir an. Hahahaha. Wie sie abgeschlachtet werden. Traumhaft. Die Kenshos werden das nicht überleben. Nicht mehr lange und ich kann endlich beweisen…AHHHHHH” Patch kratzt auf einmal dem Boss über seinen nackten Oberkörper. „SCHEISSE!” Auf einmal springt Patch nach vorne und dem Fahrer ins Gesicht. Er schreit auf und reißt das Lenkrad herum. Von draußen sieht Marry, wie der Wagen über den Bordstein schießt, eine kleine Mauer rammt und sich überschlägt. 

Innerhalb weniger Sekunden erreicht Marry das Autowrack. Mit mehreren Tritten sprengt der Boss die Fahrertür auf und zieht sich aus dem Wagen. Er hat sich seine goldene Maske wieder aufgesetzt, unter der ein wenig Blut an seinem Kinn herunter läuft. Auch sein Oberkörper weist Verletzungen auf. Als er Marry sieht, zieht er sofort sein Katana. „Du kleine Ratte! Du denkst wohl, du kannst mich in eine Falle locken! Weiß du überhaupt wer ich bin?!” „Ein toter Mann.” sagt Marry kühl und greift in ihre Tasche. Die Kiss-Kill-Münze schnellt in die Luft, dreht sich über ihr, doch bevor sie fallen kann, schnappt Marry sie aus der Bewegung und schleudert sie nach vorne. KLACK! Der Coin schlägt genau zwischen die Augen der Maske. Ein tiefer Riss jagt durch das Carbon. Der Boss taumelt zurück. Marry ist bereits hinterher. Ihre rechte Faust schießt nach vorne. Ihr Schlagring trifft genau auf den Riss. KRRACK! Die goldene Maske zersplittert in alle Richtungen und der Boss wird zu Boden geschleudert. Über ihm fällt die Münze weiter, schlägt auf dem Asphalt auf und bleibt liegen. KILL. Marry hat bereits die Hand am Katana. Die Klinge schwingt durch die Luft. Einen Augenblick später fällt der Kopf des Kurokawa-Bosses neben die Münze. „Für Sino”, flüstert Marry ihm zu. 


Der leblose Körper des Kurokawa-Bosses fällt zu Boden. Für einen Moment kämpft niemand mehr. Die weißen Masken starren auf ihren toten Anführer, dann bricht ihr Zusammenhalt auseinander. Wenige Augenblicke später ziehen sich die noch lebenden Kurokawas zu ihren Wagen zurück. Niemand versucht mehr, Patch mitzunehmen oder einen Kensho anzugreifen. Motoren heulen auf und die schwarzen Wagen verschwinden, einer nach dem anderen zwischen den Häusern. Zurück bleiben die Kenshos, die 7 Cycles und ein Schlachtfeld, wie Blackridge es seit Langem nicht mehr gesehen hat. Marry steht mitten darin, ihr Katana noch in der Hand. Patch setzt sich neben ihren Fuß. „Die sind weg. Die sind echt weg.” ruft Ghost. „Heilige Scheiße… wir haben’s wirklich geschafft.” wirft Mykel ein. „Wir haben wirklich gewonnen.” 

Alle schauen sich unglaubwürdig aber erleichtert gegenseitig an. Aus der Ruhe entsteht ein gemeinsames Jubeln. Marry fällt ein riesiger Stein vom Herzen. Ghost tritt zu ihr, eine leichte Schnittwunde ziert seine Stirn. „Dein Plan hat funktioniert, Marry”, sagt er stolz. Doch der Moment wird unterbrochen von Daigo: „Du hast uns benutzt. Wir sind auf dich reingefallen.” Marry blickt zu Daigo, für einen Moment ist sie besorgt. Wenden die Kenshos sich nun gegen sie? Daigo spricht weiter: „Du hast ein gefährliches Spiel gespielt, Mädchen. Zu deinem Glück ist es aufgegangen.” Marry bleibt kühl: „Das war kein Glück.” Daigo kann sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. „Wir kommen uns nicht in die die Quere. Vorerst.” 

Daigo und die Kenshos machen sich davon. Slicer spuckt vor Marry noch auf den Boden, bevor er geht. Marry schmunzelt: „Tja. Partners in Crime. Irgendwie.” 

Am Abend fallen sich die 7 Cycles in die Arme. Sie feiern und sind einfach glücklich. Marry schaut zu ihrem Spirit Animal: „Wir haben es weit gebracht, Patch.”

 

Am selben Abend, weit entfernt in Distrikt 11, im 87. Stock eines Wolkenkratzers klingelt ein Telefon. Hinter den riesigen Fenstern liegt halb Blackridge unter den Lichtern der Nacht. Ein älterer Mann sitzt allein an einem langen Tisch und hört schweigend zu. „Ihr Sohn wurde getötet.” Der Mann steht auf und geht zum Fenster. „Wer?” Am Telefon fällt der Name 7 Cycles und dann der Name der Anführerin und Mörderin: Marry Twyne. Ein leichtes Lächeln erscheint auf dem Gesicht des Mannes. „Dann möchte ich sie kennenlernen.” Während Marry in Distrikt 19 glaubt, ihre größte Schlacht gewonnen zu haben, setzt sich im 87. Stock etwas in Bewegung, gegen das Kensho, Hachi und selbst Kurokawa zusammen lediglich wie Jugendbanden wirken. Der Krieg um Distrikt 19 hat gerade erst begonnen. 


ENDE