KAPITEL I: IN DEN GASSEN VON BLACKRIDGE
Blackridge. Distrikt 11. Eine düstere Gasse im Schatten der Hochhäuser. Flackernde Neonlichter spiegeln sich auf den nassen Pflastersteinen. Zwei schwarze Autos mit getönten Scheiben stehen in der Gasse, dort, wo eine Gruppe aus neun gefährlich wirkenden Männern unter einer Laterne versammelt steht. Sie gehören der Ashen-Gang an. Unterhalb der Laterne baumelt ein Mann kopfüber an einer Kette. Sein Hemd und der darunter sichtbare Oberkörper sind mit Blutspritzern übersät. Er ringt um Luft und um Fassung. "Versuchst du uns etwas zu sagen?", fragt einer der Ashen-Gangster, während er beiläufig an seiner Zigarette zieht. "Ihr...ihr habt den Falschen!", stammelt der gefesselte Mann, sodass kleine Blutstropfen durch die Luft spritzen. Der Gangster seufzt. “Und schon wieder die falsche Antwort." Er drückt seine Zigarette an der Brust des Mannes aus. Seine Schreie hallen durch die Gasse, doch mit dem darauffolgenden Aufprall der Faust auf seinen Magen verstummt sein Schrei. Der Rest der Ashen-Gang amüsiert sich über das Schauspiel. Doch auf einmal unterbricht ein lautes Klirren das kollektive Gelächter. Sofort greifen die Männer zu ihren Schusswaffen und zielen in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Jemand scheint dort zu sein. Jemand, der nicht dort sein dürfte. Aber die Stimmung schlägt schnell wieder in Erleichterung um, als lediglich eine schwarze Katze um die Ecke gehuscht kommt. Nur einem von ihnen bleibt die Erleichterung im Halse stecken. "Eine schwarze Katze. Das ist ein schlechtes Omen. Die bringen Unglück!" “Ja, du glaubst wohl auch, dass es immer noch Schutzgeister gibt, hm?” Gelächter bricht aus.
Plötzlich heult ein Motor auf. Das Geräusch kommt von oben. Die Gangster reißen ihre Köpfe hoch. Ein Motorrad stürzt aus der Luft auf sie zu. Darauf sitzt eine komplett in Schwarz gehüllte weibliche Gestalt. Ihr Motorradhelm hat ein getöntes Visier und…Katzenohren. In der rechten Hand hält sie eine modifizierte Pistole und feuert noch in der Luft auf die Kette, an der das Opfer aufgehängt wurde. Der Gefesselte fällt zu Boden. In derselben Sekunde schlägt das Motorrad auf dem Boden auf und reißt die Ashen-Gang auseinander. Drei von ihnen werden beim Aufprall mitgeschleift, der Rest schafft es, sich rechtzeitig zur Seite zu werfen. „Es ist Sad!“, schreit einer panisch auf. Während der Rest von ihnen hektisch ihre Waffe zieht, eröffnet Sad ein wildes Streufeuer aus ihrer Pistole. Sie bewegt sich unnatürlich schnell und zwingt die Männer dadurch, hinter ihren Autos Deckung zu suchen. Ein paar der Gangster schießen dabei blind in ihre Richtung. Für Sad scheint die Zeit fast still zu stehen. Instinktiv schießt sie in die Richtung einer auf sie zu rasenden Kugel. Beide Kugeln zerschellen aneinander und fallen zu Boden, zum Staunen der Ashen Gang. Sad nutzt den Moment der Verwirrung und hievt den Gefesselten vorne auf ihr Motorrad. Doch in diesem Moment späht einer der Männer aus seiner Deckung hervor und nimmt sie mit seiner Waffe ins Visier. Mit dem Rücken zu ihm gewandt stellt Sad gerade ein leichtes Ziel für ihn dar. Aber noch bevor er einen Schuss abfeuern kann, springt ihn plötzlich die schwarze Katze an und beißt ihm in die Hand. Die Katze stößt sich ab und landet bei Sad auf dem Motorrad. “Danke, Churro.”, sagt Sad, drückt das Gaspedal durch und rast mit dem Gefesselten davon. “Los. Hinterher! Wir brauchen ihn!” Die Ashen-Gang verteilt sich auf die beiden Wagen und fährt ihr hinterher.
Sad rast aus der Gasse, um die nächste Ecke und taucht in den Abendverkehr von Blackridge ein. Die zwei Wagen der Ashen-Gang hängen ihr dicht im Nacken. Neonbeleuchtete Hochhäuser ziehen an ihr vorbei, während Sad im Slalom zwischen den Autos hindurch manövriert, um ihre Verfolger abzuschütteln. Doch sie sind hartnäckiger als erwartet. Sie biegt ab und steuert auf eine Straßensperre zu, hinter der eine Baustelle liegt. “Kopf einziehen.”, sagt Sad mit einer kühlen Entschlossenheit zu ihrem unfreiwilligen Begleiter. Sie erhöht das Tempo. Die Reifen des Motorrads drehen durch, als sie mit voller Wucht durch die hölzerne Absperrung kracht.
Die unfertigen Straßen sind voller Baukräne, Bagger und anderer Schwerlasttransporter. Sad führt ihr Motorrad dicht an den Maschinen vorbei, doch die Ashen-Gang bleibt ihr weiterhin auf den Versen. Zwei sich gegenüber stehende Baufahrzeuge versperren die Straße vor ihnen. Aber das Motorrad ist so schmal, dass Sad es problemlos durch die Lücke dazwischen führen kann. Das Auto der Ashen-Gang hingegen ist es nicht. Es donnert ungebremst gegen das Hindernis und ist schrott. Aber durch den Aufprall ist eine größere Lücke entstanden, durch den der zweite Wagen der Ashen-Gang nun hindurch passt. Sad rast weiter. Vor ihr zeichnet sich die Silhouette einer unfertigen Brücke ab. Dahinter ein dunkler Abgrund. Der Gefesselte sieht, wie sie auf die Kante zusteuert. “Ahhh…bist du wahnsinnig!?”, schreit er. Im letzten Moment reißt Sad das Motorrad plötzlich um die eigene Achse herum und schießt. Der Fahrer des zweiten Wagens muss in Deckung gehen…und übersieht dadurch die Absturzkante. Der Wagen fällt in die Tiefe. Nach kurzer Zeit hört sie den Aufprall ins Wasser.
Ey, danke, das war echt stark. Jetzt bind mich los und lass uns zurück in die Stadt fahren.” “Nein. Wir sind genau richtig hier.” “Wie meinst du das?” Der gefesselte Mann guckt Sad misstrauisch an. “Ich hab dich nur aus einem Grund gerettet. Damit dir niemand etwas antun kann. Niemand… außer mir, Enzo.” Der Mann schluckt. “Der Name steht auf meiner Liste. An zweiter Stelle.”, sagt Sad trocken. “Was für eine Liste? Was…ist hier los?”, fragt Enzo. Die schwarze Katze Churro geht auf und ab, wie eine Raubkatze, die ihre Beute anpirscht. Enzo wird zunehmend unruhiger. Nach der spektakulären Flucht weiß er, dass ein Entkommen unmöglich ist. Langsam geht er rückwärts, solange, bis die Kante der unfertigen Brücke ihn zum Stehenbleiben zwingt. “Wer bist du?” Sad nimmt ihren Helm ab. Zum Vorschein kommt eine 21-jährige Frau, mit schwarzem Haar, silbergrauen Augen und einem eiskalten, entschlossenen Blick. Die Verwirrung in den Augen des Mannes macht ihr deutlich, dass er keine Ahnung hat, wer da vor ihm steht. “Erkennst du mich nicht? Es sind jetzt neun Jahre vergangen. Neun Jahre, seitdem ich als Kind vor euch in den Flammen entkommen bin.” Erinnerungen schießen dem Mann durch den Kopf. Er wird kreidebleich. “Wie kann das sein? Wir haben euch alle getötet. Du kannst nicht überlebt haben. Was bist du? Ein Geist?” “Kira reicht.” Sie hebt ihre Waffe, richtet sie auf ihn. “Nein, warte! Tu das nicht! Du machst einen großen Fehler” “Sieh es positiv. Die meisten sterben, ohne zu wissen, warum.” antwortet sie und drückt ab. Der Schuss hallt durch die Nacht.
KAPITEL II: ALLES ODER NICHTS
Neun Jahre zuvor. Ein Randgebiet im 11ten Distrikt. Ein kleiner, ferngesteuerter Helikopter fliegt durch ein 2-stöckiges Familienhaus. Vorne an er Spitze hat das kleine Fluggerät eine Kamera verbaut. Gesteuert wird es von der 12-jährigen Kira Noir, die spielerisch Fliegergeräusche nachahmt. Dabei hört sie Musik über ihre Katzenohren-Kopfhörer. Sie ist komplett in ihrer Welt und fliegt den Helikopter in wilden Manövern um die Möbel, bis plötzlich ihre Mutter Mika in die Flugbahn gerät und das Spielzeug an den Kopf bekommt.
„Aua! Kira! Kannst du nicht aufpassen?" Kira hört ihre Mutter nicht, sieht nur, wie sie wild schimpfend gestikuliert. "Mama, ich kann keine Gebärdensprache.", ruft Kira. Ihre Mutter wird wütender und reißt Kira den Spielzeughelikopter aus der Hand. Kira nimmt daraufhin die Kopfhörer endlich ab. "Hast du dich überhaupt schon um die Wäsche gekümmert? Du bekommst dein gefährliches Spielzeug erst wieder, wenn du gemacht hast, was ich sage!" Kira rollt die Augen. Sie rennt nach oben, in ihr Zimmer im ersten Stock. Mika ruft ihr mahnend hinterher "Und nur die Wäsche!" Im oberen Flur nimmt Kira einen Batzen Klamotten in die Hand und wirft ihn durch einen Wäscheschacht. Sie guckt schelmisch hin und her, dann klettert Kira selbst in den Schacht und rutscht voller Freude herunter. "Woohoo!" Sie landet im Keller, auf dem Wäschehaufen in einem Wäschewagen.
Mika hört das Rumpeln im Schacht. So klingt kein Wäschehaufen. Und er schreit auch nicht "Woohoo!" Wütend wendet Mika ihren Blick zu Ryo, Kiras Vater, der in eine Sportzeitung vertieft ist. “Kannst du dich vielleicht auch mal um dein Kind kümmern?” “Das tue ich doch.” Wie zum Beweis deutet Ryo auf seinen Schoss. Da sitzt Ando, Kiras kleiner Bruder. Er ist vier und vertreibt sich die Zeit mit Spielzeugautos.
„Ich meinte um Kira.”, ergänzt Mika. “Sie kann hier nicht immer den ganzen Tag das Haus auf den Kopf stellen. Kannst du nicht mal was mit ihr unternehmen?“ Ryo legt die Zeitung zur Seite. „Ich unternehme andauernd was mit Kira. Wir haben die beste Vater-Tochter Zeit überhaupt!"
Was Ryo damit meint, zeigt sich am folgenden Tag: Ein extravagantes Motorradrennen. Die Luft riecht nach Benzin. Die Rennstrecke gleicht einer wilden Neon-Achterbahn, bei der die Fahrer die Gesetze der Schwerkraft durch Höchstgeschwindigkeiten außer Kraft setzen. Zusammenstöße und tödliche Unfälle sind keine Seltenheit.
Ryo steht angespannt an der Absperrung, den Blick starr auf die Rennbahn gerichtet. Neben ihm Kira. Mit zwölf Jahren ist sie eigentlich deutlich zu jung für diesen Ort, aber ihr Gesicht verrät: Hier ist sie genau richtig. Sie liebt alles an diesem Ort. Vor allem, weil Ryo sie den Fahrer aussuchen lässt, auf den er seine Wette platziert. “Okay, Kira, du musst dich jetzt konzentrieren. Also, warum sind wir hier?”, fragt Ryo sie eindringlich. “Gewinnen!”, antwortet Kira, wie aus der Pistole geschossen. “Genau. Und was wollen wir auf keinen Fall?” “Verlieren!” Ryo lächelt. Diesmal hat Kira sich für Fahrer Nummer 4 entschieden. Die Motorräder rasen vorbei wie Blitze. Ein letztes Mal legen sich die Fahrer in die Kurve, wo die Überhol-Chance am Größten ist. Ihre Karosserien schimmern in schrillen Neonfarben und hinterlassen glühende Funken in der Luft. Nummer 4 überholt Nummer 9 und landet dadurch auf dem ersten Platz.
Ryo brüllt gegen den Lärm an. "Jaaa, Nummer 4! Wieder ‘ne gute Wahl, Kira! Mein kleiner Glücksbringer." Für Kira ist es das schönste Gefühl der Welt, wenn sie richtig liegt und ihr Vater stolz auf sie ist.
Im Anschluss lässt Ryo sich seinen Gewinn auszahlen und kauft Kira ein Eis. „Das haben wir uns jetzt verdient. Noch zwei dieser Siege, dann bin ich schuldenfrei.“
Es ist schon dunkel draußen. Auf dem Rückweg hält er aber noch vor einem opulenten, Restaurant an, dass bereits geschlossen hat. Das macht er manchmal, immer dann, wenn er gewonnen hat. "Bleib hier im Auto, Kira. Ich bin in ein paar Minuten zurück." Kira guckt Ryo hinterher, als er mit einer Tasche das Gebäude betritt. Sie liest die Leuchtschrift auf dem Schild, das über dem Eingang hängt. "Peko Peko".
Es vergehen 20 Minuten und aus Langeweile steigt Kira aus dem Auto mit ihrem ferngesteuerten Helikopter in der Hand, den sie über den Parkplatz fliegen lässt. Die dubiosen Gestalten, die in das Gebäude ein- und austreten, nimmt sie gar nicht wahr.
“Kira! Zurück ins Auto mit dir, los. Was hab ich dir gesagt!”, ermahnt ihr Vater sie, als er zurückkommt. Er ist kreidebleich und schwitzt. Auf Kiras Nachfrage, was mit ihm los sei, antwortet er, es sei alles okay. Kira weiß, dass er lügt, nicht aber in was für einer bedrohlichen Lage Ryo steckt.
Ein paar Tage später befinden sich Kira und Ryo wieder am Rand der Rennstrecke. Kira setzt sich auf ein ausrangiertes Motorrad, das etwas abseits steht und nur noch als Dekoration dient. “Schau mal Papa! Wrumm Wrumm!”
Ryo reagiert nicht auf sie. Er wirkt angespannter als sonst. Seine Hände sind schwitzig und der Wettschein darin hat die Feuchtigkeit aufgesogen. Kira steigt vom Motorrad ab und geht zu ihm. ,,Alles in Ordnung, Papa?" "Hm? Ja. Du musst mir nur noch einmal Glück bringen, Kira. Nur noch dieses eine Mal musst du richtig liegen.", murmelt er.
Die Maschinen starten. Das Dröhnen füllt die Luft. ,,Komm schon, Nummer 4!", brüllt Kira. Doch dieses Mal hat Nummer 4 sich ein kleines Stück zu weit in die Kurve gelegt. Seine rote Maschine verliert den Grip. Fahrer Nummer 4 rutscht getrennt von seiner Maschine durchs Ziel und landet knapp hinter Nummer 6, auf dem zweiten Platz. Ryo bleibt reglos stehen. Der nasse Wettschein fällt ihm aus der Hand. „Ach, mach dir nichts draus, Papa. Immerhin Zweiter.“ Sie lächelt und schaut ihren Vater erwartungsvoll an, aber keine Reaktion. „Papa?“ Schließlich sagt Ryo: „Alles gut, Kira. Du, sag mal...du wolltest doch schon immer mal raus aus Blackridge…"
KAPITEL III: KONSEQUENZEN DER GIER
Noch in derselben Nacht steht das Auto der Familie bereit zur Abfahrt, bepackt mit Koffern, die auf dem Dach festgezurrt sind. Ryo zieht hektisch den letzten Gurt fest und steigt ins Auto, in dem Mika, Ando und Kira bereits sitzen. Doch als Ryo den Motor startet und gerade losfahren will, schreckt Kira auf. „Warte, Papa!“
„Was?“ „Ich hab meinen Heli vergessen!“ Ryo atmet tief durch. „Kira… dafür ist keine Zeit! Wir müssen los!“ „Bitte! Da sind wichtige Erinnerungen drauf! Ich hol ihn ganz schnell!“ „Okay. Aber beeil dich!“, sagt Mika mahnend. Kira springt aus dem Auto, rennt zurück ins Haus.
Kira sucht hektisch ihr Zimmer ab. Auf Anhieb findet sie ihren Helikopter nicht. Sie reißt Schubladen auf, greift unters Bett, bis sie ihn endlich in der Hand hält. Kiras kurzer Moment des Triumphes wird plötzlich unterbrochen, von einem lauten Knall! Er kommt von draußen und hört sich an wie ein Schuss. Kira schreckt auf. Dann ein weiterer Schuss. Und noch einer! Kira rennt so schnell sie kann, ihr Spielzeug fest umklammert die Treppe runter und blickt durch die noch offenstehende Tür. Vor dem Auto ihrer Eltern stehen sieben Männer in Anzügen. Sie schießen weiter auf das Auto. Es ist bereits komplett durchlöchert und steht in Flammen. Im Schimmer des brennenden Autos sind nur die dunklen Silhouetten der Schützen erkennbar. Einer von ihnen hat eine merkwürdige Gestalt auf seiner Schulter sitzen, einen kleinen, gruseligen Affen. Aber Kira hat sowieso nur Augen für ihre Familie. Alle im Auto sind tot. Der leblose Körper ihrer Mutter hängt halb aus dem Auto. Sie hat offensichtlich noch versucht zu fliehen. "Mamaaa, Pappaaa, neeeiiin!!!" Sie rennt instinktiv zu ihnen. Ein Mann mit gezogener Waffe stellt sich ihr in den Weg. Kira bleibt stehen und blickt ihm ins Gesicht. Er grinst. "Scheinbar hatte der alte Ryo doch Eier, sonst wäre kaum so was dabei rumgekommen.", amüsiert er sich, während er mit einem goldenen Feuerzeug herumspielt, das eine Zielscheibe ziert.
Kira bricht zusammen und fällt auf die Knie. Nur die schiere Fassungslosigkeit der gesamten Situation hält sie davon ab, loszuheulen.
"Mach schon, Jaiden." ruft der Mann mit dem Affen auf der Schulter. “Geht klar, Boss.” Jaiden macht eine kleine, nickende Kopfbewegung. “Ihr habt den Boss gehört.” Daraufhin bewegen sich zwei aus der Gruppe in Richtung des Hauses und schütten eine brennbare Flüssigkeit um das Haus herum. Kira nimmt das nicht wahr. Sie kann den Blick einfach nicht von ihrer Familie abwenden. Jaiden zündet sich eine Zigarette an, ehe er sein goldenes Feuerzeug mit brennender Flamme Richtung Haus wirft. Es fängt sofort Feuer. “Erledigt.” Er blickt wieder auf Kira. "Was machen wir mit der Kleinen?", fragt Jaiden seinen Boss. “Nehmt sie mit.” “Na komm, Kleine. Hier gibt’s nichts mehr zu holen für dich.” Jaiden macht einen Schritt auf Kira zu. Ihr Blick ist nun voller Hass. Sie stößt einen Schrei aus und wirft Jaiden mit aller Kraft ihren Helikopter ins Gesicht. Die Metallrotoren hinterlassen einen tiefen Kratzer auf seiner Wange.
"Ahhh, verdammt! Na warte, du kleines Biest!" Er zertritt den Helikopter am Boden. Dann richtet er seine Waffe auf Kira. Doch sein Boss hält Jaiden zurück. “Ich sagte mit-nehmen!” Die Deutlichkeit, mit der er spricht, lässt seinen Befehl noch bedrohlicher wirken. Kira nutzt den Moment. Sie entdeckt in den Wrackteilen ihres Spielzeugs die unversehrte Kassette, greift danach und rennt los, hinein in das brennende Haus.
“Los, schnappt sie euch!”, wütet Jaiden in Richtung der beiden Männer, die vorhin den Brandbeschleuniger verteilt haben. Sie folgen Kira, aber kurz bevor sie ankommen, bricht die hölzerne Veranda in sich zusammen und versperrt den Eingang zum Haus. Der Gangsterboss beobachtet das Geschehen und rollt genervt die Augen. "Los Tobu, hol sie da raus." Der Affe springt von seiner Schulter, rennt los und macht einen aggressiven Satz durch die Lücke der kaputten Eingangstür, hinein in das brennende Haus. Er entdeckt Kira. Sie hält sich die Armbeuge schützend vor Mund und Nase. Die Kassette aus dem Helikopter hat sie in ihrer Hosentasche verstaut. Tobu brüllt! Kira läuft panisch die noch unversehrte Treppe in den ersten Stock hoch, während der Affe sich einen Weg durch die Flammen hinter ihr her bahnt. Oben angekommen schaut Kira sich hektisch nach einem Ausweg um, aber es scheint aussichtslos. Doch dann hat Kira eine Eingebung. Sie rennt los, in die Mitte des Flurs, öffnet den Wäscheschacht und rutscht ihn herunter, bis in den Keller, der bisher vom Feuer verschont geblieben ist. Als Tobu oben in der ersten Etage ankommt, ist Kira bereits verschwunden. Das Feuer breitet sich schnell aus und der wütende Affe muss sich nach draußen zurückziehen.
“Los! Das kann niemand überleben. Räumt auf, dann verschwinden wir." sagt der Boss, während der Affe wieder an seiner Schulter hochklettert.
Die Leiche von Kiras Mutter wird in den Wagen der Familie geworfen und die Handbremse gelöst, sodass er in Richtung des brennenden Hauses rollt. Dann verteilt sich die siebenköpfige Gruppe auf ihre drei Autos und fährt los.
Kira zwängt sich schwer hustend durch ein kleines Kellerfenster und landet direkt vor der abgebrannten Veranda. Dort bemerkt sie das goldene Feuerzeug von Jaiden. Sie greift danach und rennt weiter. Doch jetzt, wo sie in Sicherheit ist, macht sich der enorme Kraftaufwand bemerkbar. Sie sackt zusammen und alles um sie herum wird schwarz.

KAPITEL IV: GEFANGEN UNTER FREMDEN
Drei Wochen sind vergangen, nachdem Kira bewusstlos aufgefunden wurde von neugierigen Nachbarn, die das Feuer aus der Ferne gesehen haben. Seitdem ist sie in einem städtischen Waisenhaus in Distrikt 14 untergekommen, denn andere Verwandte hat Kira nicht. Der Alltag im Waisenhaus ist für Kira genauso trist wie das alte Gebäude selbst. Die grauen Flure verbinden die Schlafsäle, getrennt nach Mädchen und Jungen, mit den Klassenräumen in den oberen Etagen und dem Innenhof, der bis auf ein paar Schaukeln komplett leer ist. Das gesamte Gebäude ist komplett von Mauern umgeben. Selbst die Fenster der Schlafsäle sind vergittert. Kira hasst diesen Ort. Aber immerhin hat sie einen Schlafplatz. Sobald sie ihre Augen schließt, sieht sie jedoch die schrecklichen Bilder von jenem schicksalhaften Abend vor ihren Augen. Oft wacht sie schreiend auf, zum Leidwesen der anderen Mädchen. Aus Angst vor den Alpträumen, liegt sie daher jede Nacht so lange wach, wie sie kann. Dabei lauscht sie über Kopfhörer, ihren Lieblingssongs auf ihrem Discman und starrt die Decke an, während sie mit dem goldenen Feuerzeug herumspielt. Neben dem Discman und der Kassette aus ihrem zerstörten Helikopter ist das Feuerzeug der letzte persönliche Gegenstand, der ihr nach ergebnisloser polizeilicher Untersuchung zurückgegeben wurde.
“Jaidens Feuerzeug.” Der einzige Mann, dessen Name sie in jener Nacht aufgeschnappt hatte. Sie hatte ihn auf einem kleinen Zettel notiert, gefolgt von sechs Fragezeichen, stellvertretend für die Männer, deren Namen sie nicht kannte. “Noch nicht.”
Sie klammert sich an die Hoffnung, dass die Polizei die sieben Täter bald finden wird. Doch mit jedem Tag schwindet Kiras Zuversicht. Dabei hatte sie bei der Befragung kein Detail von dem heimtückischen Massaker an ihrer Familie ausgelassen. “Ein Spirit?”, hatte Detective Keller sie mit ihrer freundlichen Stimme unterbrochen. “Spirit!” Bei diesem Wort ist Kira hellhörig geworden. Könnte es sich bei dem furchteinflößenden Affen Tobu tatsächlich um eines dieser magischen Wesen gehandelt haben? “Unwahrscheinlich, so selten wie die sind.”, hatte Kellers Kollege entgegnet. “Es war kein gewöhnlicher Affe!” protestierte Kira. “Es muss ein Spirit gewesen!” “Die Kleine spinnt sich irgendwas zusammen. Wahrscheinlich der Schock.” Doch Detective Keller bestand auf eine Fahndung. “Ich glaube dir.”, hatte sie zu Kira gesagt und ihr dadurch einen Funken Hoffnung geschenkt. “Hier ist meine Karte. Wenn dir noch was einfällt, ruf mich an.” Die Nummer von Keller kannte Kira schon nach kurzer Zeit auswendig, so oft hatte sie in den ersten Wochen bei der Kriminalbeamtin angerufen. Die kleinen Banalitäten, um die sie ihre Aussage immer weiter ergänzt hat, sind lediglich ein Vorwand gewesen, um an neue Informationen zu gelangen. Doch die Antwort war jedes Mal dieselbe. “Leider keine Neuigkeiten. Ich melde mich.”
Und so zogen die Tage ins Land. Der tägliche Unterricht ist streng und das Essen eintönig. Kleine Ungehorsamkeiten werden hier schnell bestraft, im schlimmsten Fall durch tagelanges Absitzen in der gefürchteten Dunkelkammer, einem kleinen, fensterlosen Raum. Auch abseits davon, erinnert vieles im Waisenhaus an ein Gefängnis. Alle wollen gegenseitig voneinander wissen, wie man hier gelandet sei. Kira aber wehrt jeden Annäherungsversuch ab. “Du kannst nicht die ganze Zeit die Wand anschmollen. Komm schon, wir alle haben ‘ne Scheiß Vergangenheit. Oder bist du stumm?”, fragt sie beispielsweise der 16-jährige Raphael, der sich im Waisenhaus einen unrühmlichen Namen gemacht hat, weil er die anderen Kinder ständig schikaniert. “Kannst du Gebärdensprache?” Kira antwortet wortlos, indem sie ihm den Mittelfinger zeigt, zur Belustigung der anderen Kinder. Aber davon bekommt Kira nichts mit, weil sie sich wieder in ihre Musik flüchtet.
Aus Wochen werden Monate. Kira hat bereits ihren 13. Geburtstag hinter sich. Etwas, was sie niemandem mitgeteilt hat.
Aus den anfangs täglichen Telefonaten mit Detective Keller entwickelt sich mit der Zeit ein monatlicher Rhythmus. Während die Ermittlungen zunehmend ins Stocken geraten, wenden sich Kira und die Kriminalbeamtin immer häufiger persönlicheren Themen zu.
„Nein…Ich hab keine Lust mit den anderen Kindern zu spielen. Ich will einfach alleine sein. “ „Versuch es doch mal. Das wird dir bestimmt gut tun und die Zeit geht schneller um.”, schlägt Keller vor.
Schließlich befolgt Kira den Rat ihrer einzigen Bezugsperson und stellt sich einem Jungen vor, der schon öfter versucht hat, mit ihr ins Gespräch zu kommen. “Freut mich. Ich bin Sean.”, antwortet der 14-jährige mit einem freundlichen Grinsen.
Von diesem Moment an lässt Kira sich von Sean stärker in die Freizeitgestaltung der anderen Kinder mit einbeziehen. Meistens schießen sie mit Plastikpfeilen aus Spielzeugpistolen auf kleine selbstgebaute Ziele. Kira würde es niemals zugeben, doch sie ist dankbar, dass Sean sie mit in die Gruppe eingebunden hat. Irgendwie findet sie ihn interessant. Immer wieder schafft er es, Dinge zu besorgen, die innerhalb des Waisenhauses eigentlich gar nicht existieren dürften. Zigaretten, CDs, Süßkram, alles, was sich zum Tauschen eignet. Einmal sind es Churros, von denen er Kira einen anbietet. Nach all den Monaten ist diese Süßspeise für Kira eine wahre Geschmacksexplosion. Ein kurzer Moment, in dem ihre Welt in Ordnung zu sein scheint.
Eines Nachts liegt Kira mal wieder lange wach im Bett, da hört sie merkwürdige Geräusche von draußen. Sie schleicht den Schlafsaal entlang und späht durch die vergitterten Fenster, hinaus, in die Dunkelheit. Da sieht sie einen Schatten vorbeihuschen. “Eine Katze!”, flüstert Kira zu sich selbst, ehe sie aus derselben Perspektive noch einen weiteren Schatten wahrnimmt. Es ist Sean. Er befindet sich außerhalb des Waisenhaus-Grundstücks! “Wie ist das möglich?”, rätselt Kira, nachdem sie sich wieder ins Bett gelegt hat.
Als sie Sean am nächsten Tag damit konfrontiert, erklärt er ihr, dass er einen Weg gefunden habe, aus dem Waisenhaus auszubrechen. “Es ist eigentlich ganz einfach. Man braucht nur zwei Essstäbchen aus der Kantine. Soll ich’s dir zeigen?” Voller Enthusiasmus willigt Kira ein. Sie treffen sich in derselben Nacht in einem leeren Flur auf der 4. Etage. Hier haben die Fenster keine Vergitterung, sind aber abgeschlossen. Sean zeigt Kira, wie er mit ein paar geschickten Bewegungen die Verriegelung öffnet. “Hier, probier du mal.” Kira lernt schnell und schafft es, das abgeschlossene Fenster zu öffnen. Gemeinsam steigen sie aus dem Fenster auf das kleine Vordach.
Kira fühlt sich unbewusst wohl in Seans Nähe. “Hey Kira, wie wärs, wenn du mir mal deine Story erzählst? Wie du hierhergekommen bist!” Nach kurzem Zögern, öffnet sich Kira zum ersten Mal und erzählt von dem Mord an ihrer Familie. Sean hört aufmerksam zu. “Hier. Das ist das Letzte, was ich von ihnen hab.” Sie holt die Kassette aus dem Spielzeughelikopter hervor. “Darauf sind noch Aufnahmen von meiner Familie… nur leider habe ich nichts, um sie abzuspielen.” Kira wirkt traurig und Sean spürt das. Auf dem Rückweg ins Waisenhaus hört Kira wieder das Katzen-Schnurren. Sie schaut durch das Fenster, kann aber nichts sehen.
Als sie 14 wird, feiert sie ihren Geburtstag sogar mit ein paar Kindern zusammen. Die größte Überraschung ist das Geschenk von Sean: Ein kleines Abspielgerät, das die Kassette aus ihrem Helikopter lesen kann. Kira kann es nicht glauben. “Danke, Sean! Wie bist du da ran gekommen?” Sean erzählt stolz, wie er sich in das Büro der Heimleiterin geschlichen hat und obwohl er auf dem Rückweg draußen erwischt wurde, das Gerät dabei unentdeckt blieb. “Oh, warst du etwa deshalb die letzte Woche in der Dunkelkammer!” “Das war’s wert!”, sagt er lächelnd. “Sie haben mir angedroht, wenn sie mich noch einmal erwischen, dass ich dann in ein anderes Waisenhaus versetzt werde… noch schlimmer als dies hier…” “Das werd ich nicht zulassen.”, versichert ihm Kira. Sie schließt das Gerät an einen alten Fernseher an. Ihre Gefühle übermannen sie, als sie das erste Mal nach all der Zeit die Bewegtbilder und die Stimmen ihrer Familie vernimmt: Ihre Mutter Mika beim Spülen, wie sie mit ihr schimpft. Ihr kleiner Bruder Ando, der ihre Spielsachen klaut. Ihr Vater Ryo, der Zeitung liest und gar nicht mitbekommt, dass er gefilmt wird. Kira bricht in Tränen aus. Aber plötzlich drückt Kira aufgeregt auf Pause. In der letzten Aufnahme auf dem Parkplatz des Peko Peko, wo sie auf ihren Vater gewartet hat, glaubt sie, etwas entdeckt zu haben. “Kann das wirklich möglich sein?”, denkt Kira. Sie kommt ganz nah an den Fernseher heran und erstarrt. Trotz der schlechten Qualität meint sie, ein Gesicht wiederzuerkennen. “Jaiden!” Völlig aufgeregt ruft Kira Detective Keller an und berichtet von ihrer Entdeckung.
“Ich bin mir sicher, dass er es ist! So wie er sich bewegt! Und da gehen noch mehr Leute raus und rein. Vielleicht sind das die anderen Killer!” Kira überschlägt sich fast beim Sprechen, so aufgeregt ist sie. “Peko Peko, hast du gesagt? Das in Distrikt 11?”, fragt Keller. “Interessant. Tatsächlich ist das Restaurant vor 4 Tagen abgebrannt.” Kira kann ihren Ohren nicht trauen. “Genau wie unser Haus…” “Scheint ein Muster zu sein. Okay. Ich mach mich direkt auf den Weg um persönlich die Spuren im Peko Peko zu sichern, bevor dort alles leergeräumt ist. Pass gut auf die Kassette auf. Ich komme in ein paar Tagen zu dir. Ich glaube, jetzt können wir ihnen endlich das Handwerk legen!”
Doch das ist das letzte Mal gewesen, dass Kira Detective Kellers Stimme gehört hat. Nach einigen Tagen beginnt sie unruhig zu werden. “Was ist denn mit Kira los?”, munkeln ein paar der Kinder. “Ich hab gehört, dass die Ermittlungen endlich Fortschritte machen.” “Ach, Die Polizei ist doch korrupt! Denen kann man nicht trauen.”, sagt Raphael. “Da zählt nur, welcher Gangster gerade am meisten an die Polizei zahlt.” “Nein, Detective Keller ist nicht korrupt!”, feuert Kira zurück. Sie konnte die Gerüchteküche nicht überhören und stapft nun wütend davon.
Nach über einer Woche hält Kira es nicht mehr aus. Sie ruft Kellers private Nummer an. “Kein Anschluss unter dieser Nummer.” Das kann nicht sein. Hat sie sich verwählt? Sie versucht es direkt nochmal. Dasselbe Ergebnis. Kira probiert es direkt bei der Polizei, doch auch hier kommt sie nicht weiter. “Es tut mir Leid. Hier arbeitet kein Detective Keller. Kann ich sonst noch was für sie tun?” Es ist, als hätte sie sich in Luft aufgelöst.
Am folgenden Tag sitzt Kira völlig niedergeschlagen im Aufenthaltsraum. “Vielleicht arbeitet sie irgendwo Undercover an einem anderen Fall?”, versucht Sean sie aufzumuntern. “Nein, sie würde mich nie so versetzen. Vielleicht haben sie sie auch gekillt!” Kira fängt an zu weinen. Tja, hab ichs doch gesagt.”, sagt Raphael gehässig. Plötzlich steht Kira auf, stößt sich von einem Tisch ab und verpasst Raphael einen Tritt ins Gesicht. Er geht sofort zu Boden. Die anderen Kinder sind beeindruckt. Doch Kiras Kurzschlussreaktion hat ihren Preis.
Eine Woche muss Kira nun in der Dunkelkammer verbringen. Ihr erstes Mal. Hier unten hat Kira viel Zeit zum nachdenken, während Jaidens goldenes Feuerzeug ihr in der Dunkelheit Licht spendet. Raphaels Worte hallen lange bei ihr nach. “Ach, Die Polizei ist doch korrupt! Denen kannst du nicht trauen.” Hatte Raphael womöglich Recht? Oder war Detective Keller einfach zu nah an der Wahrheit dran und wurde sie deshalb ausgeschaltet? Für Kira ist klar, dass die Mörder damit nicht davonkommen dürfen. In diesem Moment trifft sie eine Entscheidung: “Wenn man sich nicht auf die Polizei verlassen kann, dann muss ich es selbst in die Hand nehmen.”
Als sie nach einer Woche endlich wieder aus der Dunkelkammer herauskommt, nimmt Sean sie in den Arm. Kira erklärt ihm, dass sie das Waisenhaus für immer verlassen will. Und Sean will sie begleiten.
Noch in derselben Nacht klettern sie durch das Fenster im vierten Stock, hinaus aufs Dach und von da aus an der Regenrinne hinunter. Zuerst Kira. Sean folgt ihr mit etwas Abstand. Er ist die Regenrinne schon oft hinunter geklettert. Aber noch nie zu zweit. Schon nach wenigen Metern ertönt ein lautes Knacken. Die Halterung reißt aus der Wand. Kira fällt zu Boden. Die Regenrinne schlägt mit lautem Krachen neben ihr auf. In kürzester Zeit geht in mehreren Fenstern des Waisenhauses das Licht an. Sie schaut panisch hoch zu Sean und sieht, dass er sich an einem Vordach einige Meter über ihr hochziehen konnte. „Verdammt ...“ “Schnell, du musst einen Weg finden, vom Dach runterzukommen.”, ruft Kira ihm von unten zu. In diesem Moment fährt ein Scheinwerfer übers Dach. “Da! Auf dem Dach.”, ruft eine Stimme. Zwei Wachleute setzen sich sofort in Bewegung. Sean schaut nach unten, direkt in das besorgte Gesicht von Kira. Er lächelt. „Los, Kira. Finde die Mörder deiner Eltern.“ Mit diesen Worten entfernt Sean sich von der Dachkante und aus dem Blickfeld von Kira. Ein letztes Mal ruft sie seinen Namen. Doch ihr ist klar, dass er nicht zurückkommen wird. Widerwillig rennt sie los, weg vom Waisenhaus, außerhalb der Umzäunung und hinein in die Tiefen von Blackridge..
Als ihre Lungenflügel schon brennen und sie zum Anhalten zwingen, befindet sie sich bereits inmitten der Stadt, umgeben von Hochhäusern, die in den Nachthimmel empor ragen. Zum ersten Mal nach mehr als anderthalb Jahren ist sie außerhalb des Waisenhauses. Sie stiefelt durch das 11. Distrikt von Blackridge und wischt sich die Tränen vom Gesicht. Durch die vielen Neonlichter wirkt die Nacht weniger dunkel, als sie ist. In der Ferne sind immer wieder Sirenen und vereinzelte Schüsse zu hören. Sie setzt sich ihre Kopfhörer auf und macht Musik an, um die furchteinflößende Realität auszublenden.
Sie steigt in eine der vielen Schwebebahnen, die über der Stadt entlang fahren, ohne die Richtung zu kennen, in die sie muss.
Es ist schon nach Mitternacht, als Kira durch die Hilfe einiger Passanten schlussendlich vor der großen, abgesperrten Ruine des Peko Peko landet. Das Schild ist zwar kaum noch identifizierbar, aber Kira erinnert sich genau an diesen Ort. “Hier hat also alles angefangen.” Sie ignoriert die Polizeiabsperrung, entfernt eines der Bretter, die vor die Fenster der Ruine genagelt wurden, und klettert hinein. Innen sucht sie zwischen Schutt und Asche nach Hinweisen, aber alles, was einst einen Wert hatte, ist zu Staub zerfallen... genau wie bei ihr. Als Kira schon kurz davor ist aufzugeben, findet sie unter einem Haufen halb verbrannter Papiere doch etwas. Ein Flyer. Oder das, was davon noch übrig ist. Das Symbol darauf erkennt sie sofort. Eine Zielscheibe mit denselben verschnörkelten Verzierungen wie dem auf ihrem Feuerzeug. Daneben ein Schriftzug: „Bullet Haven“. Und eine Adresse: „301 Brass Alley, District 11, Blackridge“.
KAPITEL V: EIN FUNKEN HOFFNUNG

Kira spürt keine Müdigkeit. Ihr langes unfreiwilliges Training, nachts wach zu bleiben, macht sich bezahlt. Bis zum frühen Morgengrauen ist sie unterwegs, auf der Suche nach der Brass Alley. Sie ist hungrig und ihre Füße tun weh. Dann, endlich, kommt sie an ihrem Ziel an und steht vor einem Laden mit der leuchtenden Inschrift ‘Bullet Haven.’ Und einer Zielscheibe als Logo. Sie tritt ein. Von innen ist der Laden viel größer, als er von außen den Anschein macht. Um sie herum, alles voller Waffen.
Schließlich wird der Ladenbesitzer hinter dem Kassentresen auf sie aufmerksam. Ein großer, dicklicher Mann. Er trägt einen Schnurrbart und ein Namensschild an der Arbeitskleidung, auf dem 'Bobby' steht. Er hält eine Tüte mit Churros in der Hand. "Wie alt bist du, Kleine? 12? Du dürftest gar nicht hier drin sein." Kira zeigt ihm das Feuerzeug. Es handele sich um das Feuerzeug ihres Vaters, den sie ausfindig machen wolle, lügt sie und beschreibt den Mann, der vor zwei Jahren zu den Mördern ihrer Familie gehörte. “Keine Ahnung, kenne keinen, auf den die Beschreibung passt. Hier kommen viele Leute rein und raus. War's das?", fragt Bobby. "Nein! Jetzt strengen Sie ihren Grips an! Los. Das kann doch nicht so schwer sein.”, konfrontiert ihn Kira scharf. “Ich hab das nicht alles auf mich genommen, für nichts. Ich brauche irgendwas!" Bobby überlegt kurz, legt die Tüte mit den Churros auf den Tresen ab und schaut sich das Feuerzeug penibel genau an. "Ah, ja! Jetzt erinnere ich mich. Der Typ war hier, vor 'n paar Jahren. Er fuhr in einem roten Cabriolet vor, mit nem lila Duftbaum drin in Form eines Karpfens." "In echt?", fragt Kira begeistert. Ihre Augen werden größer. "Natürlich nicht! Es haben in den letzten zwei Jahren bestimmt 800 Leute dieses Feuerzeug gekauft. Wenn ich ‘n fotografisches Gedächtnis hätte, würd ich sicher nicht in diesem Laden arbeiten.", sagt Bobby trocken. Kira haut wütend ihre Faust auf die Churros-Tüte. Bobby schaut sie grinsend an. "Na, du hast es ja faustdick hinter den Ohren, was? Vielleicht ist dein Papa ja abgehauen, weil du so ein verzogenes kleines Biest bist." Kira starrt Bobby tief in die Augen, so als wäre es ein Spiel, bei dem derjenige verliert, der zuerst dem Blick des Gegenübers ausweicht. Währenddessen schiebt sie sich provokant langsam einen der Churros in den Mund. "Okay, reicht dann auch. Wenn du nicht hier bist, um die verdreckten Klos zu reinigen, dann ruf ich jetzt die Polizei. Und irgendwas sagt mir, dass du mit denen schon genug Ärger am Hals hast." Kira hält seinem Blick noch einen Moment lang stand. Bobby greift unterdessen zu dem Hörer seines Telefons, und klemmt ihn sich zwischen Schulter und Ohr, ebenfalls, ohne Kiras Blick auszuweichen. Schließlich gibt Kira sich geschlagen. Als kleiner Akt der Genugtuung greift sie die Churros-Tüte und verlässt damit wütend den Laden. “Die gehen aufs Haus! Solange du nicht wiederkommst!" ruft Bobby ihr hinterher.
Vor Erschöpfung hat Kira sich in einer schmalen Seitengasse aufs Ohr gelegt. “Nur für einen kurzen Moment”, hat sie gedacht. Doch als sie wieder aufgewacht ist, hatte sich die Dunkelheit bereits wieder über Blackridge gelegt. Kiras Erschöpfung hat sich hingegen nicht gelegt. Denn der Ursprung davon liegt nicht im Schlafmangel, eher in der Ausweglosigkeit ihrer Situation. Ein Gefühl wird sie außerdem nicht los, seit sie wieder wach ist: Dass sie beobachtet wird. Kira schreitet ziellos weiter durch die nächtlichen Straßen von Blackridge. Zurück ins Waisenhaus kann und will sie auch nicht mehr. Sie setzt sich die Kopfhörer auf und durchflutet ihren Kopf mit Musik. Kira klettert auf das Dach eines hohen Gebäudes und tritt an die Brüstung. "Irgendwo da unten sind die sieben Mörder meiner Familie.", denkt sie. Sie blickt über die riesige Metropole der verkommenen Stadt. “Bestimmt genießen sie ihr Leben und denken nicht einmal an das Verbrechen, das sie begangen haben und wenn, dann lachen sie wahrscheinlich darüber. Und ich habe nicht mal eine Spur. Niemanden, der mir helfen kann.” Ihr einziger Anhaltspunkt hat sie kein Stück weiter gebracht. “Ich wollte doch nur, dass sie ihre gerechte Strafe bekommen. Stattdessen habe ich nur noch mehr Schaden angerichtet. Sean, Detective Keller…was ich auch tue, ich mache alles nur noch schlimmer.” Sie schreit mit aller Kraft, nimmt ihre Kopfhörer ab und wirft sie vor sich auf den Boden des Daches, auf dem sie steht. Dann tritt sie auf die Brüstung des Gebäudes. Sie hat jede Hoffnung verloren. Und noch schlimmer: Den Sinn in ihrem Leben. Sie fühlt rein gar nichts mehr. Nicht einmal Angst. Die Straßen unter ihr scheinen fast einladend zu sein...doch dann hört Kira plötzlich etwas. Ein leises Miauen.
Kira erwacht wie aus einem Trancezustand und dreht sich um. Sie bewegt sich von der Kante weg und folgt dem Gejaule, bis sie eine kleine, schwarze Katze entdeckt, die im Schutt feststeckt. Es rieseln noch kleine Steinchen vom Treppenhauszugang herunter. “Das muss gerade erst passiert sein.”, denkt Kira. Die Katze trägt kein Halsband. Als Kira sie befreit, bemerkt sie eine kleine Wunde am hinteren, rechten Bein der Katze. “Du siehst traurig aus. Da sind wir schon zu zweit.”, Sie hält der Katze die Tüte mit Churros hin und sofort fängt sie an zu fressen. Kira beobachtet sie dabei. Mitgefühl überkommt sie. Die Sorge um jemanden. Eine tiefe Verbundenheit, viel intensiver als bei einem normalen Tier. “Sag mal, hab ich dich nicht schonmal irgendwo gesehen? Bist du mir etwa gefolgt?” Die Katze macht eine zustimmende Geste, fast, als würde sie Kira verstehen. Instinktiv möchte Kira der verletzten Katze helfen und dieser Impuls fühlt sich auf einmal unglaublich gut an. Sie hat wieder ein Ziel. Weniger groß, als die Mörder ihrer Eltern zu finden, aber immerhin ein Ziel. Und es kommt diesmal einem Lebewesen zugute, das noch atmet. Sie streichelt die Katze. “Alles wird gut. Ich helf dir wieder gesund zu werden…Churro. Hm…passender Name. Aber wie soll ich mich um dich kümmern…ohne Unterkunft…ohne Geld…”
Mit neu entfachter Entschlossenheit kehrt Kira zurück zum Bullet Haven. "Ich nehm den Job!", sagt sie zu Bobby und haut dabei erneut mit ihrer Faust auf den Tresen. "Was?! Ah, der Chaos-Knirps schon wieder. Was denn für einen Job?" "Die verdreckten Klos putzen. Sie haben doch gesagt..." "Ewiger Gott, das war ein Scherz. Ich lass doch keine 12 jährige hier..." "Ich bin 14! Sei froh. Mit 12 wäre ich nämlich nicht strafmündig und hätte dir schon längst in deinen dicken Arsch reingetreten!" Bobby schweigt. Kiras Charisma scheint ihn zu beeindrucken. "12.", sagt er. Kira schreit: "VIERZEHN!" "Nein, ich meine den Stundenlohn, den ich dir anbiete."
Keine 5 Minuten später hält Kira plötzlich einen Mob und einen Putzeimer in der Hand. Bobby erklärt ihr den Ablauf. Abends, kurz vor Ladenschluss, werde ihre Schicht beginnen und enden werde sie in den Morgenstunden, dann, wenn der Laden wieder aufmacht. Die zwölf Quen, die Bobby Kira angeboten hat, befinden sich weit unter dem Mindestlohn von Distrikt 11. "Ich hab das Gefühl, Sie könnten rechtliche Probleme bekommen, falls das rauskommt.", versucht Kira ihren Lohn hochzuhandeln. "Und ich hab das Gefühl, für dich ist’s schlimmer als für mich, wenn das rauskommt.", kontert Bobby. Kira erklärt sich einverstanden. Es ist nicht so, als hätte sie eine Wahl. Für Bobby ist Kira ein kleiner Glücksfall, da er seit langem vergeblich nach einer Putzkraft sucht. Für ihn ist es schwer gewesen, den Laden sauber zu halten, da er wegen einer alten Verletzung am Bein Schwierigkeiten hat, lange zu stehen.
Fortan verbringt Kira die Abende nach Ladenschluss alleine im Bullet Haven und putzt. Im ersten Monat gewährt Bobby ihr tagsüber im Abstellraum zu schlafen, bei ihrem Putzzeug. Im zweiten Monat mietet sie sich ein kleines, verranztes Apartment an. Dort pflegt sie Churro über mehrere Wochen gesund. Die Verbundenheit zwischen den beiden wird mit der Zeit immer stärker. An Tagen, an denen Kira traurig ist, scheint auch die Katze traurig zu sein, an anderen Tagen, wo sie voller Tatendrang ist, fühlt auch Churro sich lebendig. Und Kira merkt irgendwann, dass sie schon fast sehen und fühlen kann, was ihre Katze sieht und fühlt. Bis sie schließlich zu der Erkenntnis kommt: “Churro, ich glaube du bist mein Spirit Animal.”

KAPITEL VI: VERSPÄTETE RACHE
Als Kira 15 wird, erreicht sie damit das Mindestalter für eine offizielle Arbeitserlaubnis in Blackridge. Von nun an muss Bobby sie nicht länger nur in der Nachtschicht verstecken und lässt sie auch am Tag arbeiten. Churro ist stets an ihrer Seite. Anfangs war Bobby noch dagegen, dass die Katze in seinem Laden rumstreunert. Aber Kira ist stets stur geblieben. “Entweder sie bleibt, oder wir gehen beide.”, hatte sie gesagt. “Was liegt dir nur an dem Viech, ist doch nur ‘ne Katze.” “Sie ist viel mehr als das. Mein Spirit Animal!” “Ein Spirit? Du meinst, dass deine Katze in Wirklichkeit eine Art Geist in einer Tiergestalt ist? So ein Quatsch.”, sagt er und rollt mit den Augen. “Kein Quatsch! Nur weil sie so selten sind, heißt es nicht, dass es sie nicht gibt. Ich hab sogar schon zwei gesehen. Wenn ein Mensch und ein Spirit zusammenfinden, dann bleiben sie ihr Leben lang verbunden und passen aufeinander auf. Genau das ist bei Churro und mir so!” Bobby wird etwas nachdenklich. “Weißt du, als ich klein war, hab ich auch dran geglaubt. Angeblich wurden sie von den Ewigen Göttern geschaffen, weil sie so einsam waren. Früher, in alten Zeiten, soll es viele davon gegeben haben. Und jetzt sind Spirits das Letzte, was von den Ewigen Göttern übrig ist. So behaupten es zumindest manche.” Die warme Stimme von Bobby füllt Kira mit einer wohligen Ehrfurcht. "Naja, da wächst du schon noch raus.”
Die Tagschicht gibt Kira die Chance, neben ihrer Arbeit die Kunden beim Schießen zu beobachten. Sie beginnt unterbewusst, die Kunden zu bewerten. Manche haben eine gute Körperhaltung, andere weniger. Im Waisenhaus hat Kira bei den Spielen ein gutes Gespür fürs Schießen entwickelt. Eines Nachts packt sie die Neugier und sie wagt sich selbst an den Schießstand. Sie will wissen, ob sie mit echter Munition auch so gut zurechtkommt wie mit Plastikmunition. Das tut sie. “Mal gucken, ob’s auch für die Profi-Arena reicht.”, denkt Kira.
Die Profi-Arena besteht aus einem zeitbasierten Trainings-Parkour, mit bewegten animatronischen Zielen in einer Stadtkulisse. Eine Rangliste der zwanzig Besten wird auf einer digitalen Anzeige im Eingangsbereich des Ladens eingeblendet. Kira ist flink. Mit jedem Versuch wird sie schneller und präziser. Churro ist wie immer in ihrer Nähe und späht die Umgebung aus. Kira kann immer besser wahrnehmen, was ihre Katze wahrnimmt. Animatronische Ziele, die sich hinter ihr befinden, sind somit plötzlich Teil ihres Blickfeldes. Es ist zwar nur schemenhaft, aber es reicht, um ihr einen zeitlichen Vorteil zu verschaffen, der sie auf der Rangliste immer wieder einen Platz nach oben steigen lässt. Man könnte sagen, Kira schummelt, aber wer würde schon glauben, dass eine Katze zu so etwas fähig ist? Bobby entgeht natürlich nicht, dass Kira heimlich den Parkour nutzt, aber er lässt sie gewähren. Er erkennt ein Talent, wenn er es vor sich hat. Irgendwann beginnt er, ihr sogar Tipps zu geben und sie weiter zu fördern, wodurch sie noch besser wird. Eines Tages beobachtet er, dass sich Kira beim Parkour erstaunlich schnell bewegt. So, dass es fast schon unmenschlich wirkt. Als er dabei Churro in der Nähe entdeckt, denkt er sich, ob nicht doch was an der Sache mit den Spirit Animals dran ist. Ein Gedanke, den er aber schnell wieder verwirft.
Mit 16 ist Kira zu einer Meisterin an sämtlichen Schusswaffen geworden. Sie hält den Rekord in der Profi-Arena. Allerdings wird sie dort nicht unter ‘Kira’ geführt, sondern unter dem Pseudonym ‘Sad’, ein Spitzname, den Bobby ihr gegeben hat, weil er sie noch nie hat lachen sehen. Über die Jahre hat sie eine enge Freundschaft zu ihm aufgebaut. So eng, dass sie ihm sogar alles über ihre düstere Vergangenheit anvertraut hat.
Mittlerweile putzt Kira keine Böden mehr. Sie reinigt die Waffen und weist die Kunden beim Schießen ein.
Bobby ist so angetan von ihrem Talent, dass er ihr eines Tages einen neuen Job angeboten hat. “Einen ganz besonderen, der besser zu deinen Fähigkeiten passt.”, wie er selber sagte. "Ist zwar schade um meinen Laden, aber die Bezahlung hat es in sich. Hab da selbst jahrelang gearbeitet. Bis zu meiner Verletzung." Er hatte ihr eine Visitenkarte gegeben, auf der UNIT-01 draufstand. "Der besser zu meinen Fähigkeiten passt?” Als Antwort hatte Bobby lediglich seinen Daumen und Zeigefinger zu einer Pistole geformt. "Ich kann niemanden töten. Schon gar nicht für Geld.", hatte Kira geantwortet und Bobby akzeptierte ihre Antwort.
Der Gedanke an Rache ist bei Kira bereits in weite Ferne gerückt. Ihre Vergangenheit scheint sie hinter sich gelassen zu haben. Nur Sean ging ihr eine Zeit lang nicht aus dem Kopf. Sie hat sogar versucht, das neue Waisenhaus ausfindig zu machen, in das er mutmaßlich versetzt wurde, aber vergebens. Mittlerweile fühlt sie sich wohl in ihrem neuen Leben, gemeinsam mit Churro, Bobby und dem Laden.
Bis eines Tages ein ganz besonderer Kunde auftaucht und nach einem freien Schießstand fragt. Kira dreht sich zu ihm um und erstarrt: Dieses Gesicht, die Narbe unter dem Auge. Es ist Jaiden, einer der Killer ihrer Eltern.
"Hey, Kleine! Ich rede mit dir!" Die Gedankenfetzen, die vor Kiras geistigem Auge, wie ein schrecklicher Film ablaufen, werden unterbrochen. "Eh k-k-klar?", stottert sie ungewohnt unsicher. Sie gibt ihm eine Waffe, ohne ihn dabei anzuschauen, weil sie Angst hat, dass ihre Augen sie verraten. "Oh du bist schüchtern, hm? Die Schüchternen sind mir am Liebsten! Du weißt doch, was man über stille Wasser sagt…?" Jaiden grinst. Bobby kommt hinzu, wortlos aber mit einer Präsenz, die klar macht, dass er keine Anstößigkeiten Kira gegenüber duldet. “Da fehlen noch Patronen, Schätzchen” sagt Jaiden. Plötzlich spiegeln sich Wut und Entschlossenheit in Kiras Blick. “Die Patronen sind hier.” Sie zeigt auf den Glastresen. Jaiden beugt sich herunter. Auf einmal umklammert sie aus dem Nichts seinen Kopf mit beiden Händen und schlägt ihn gegen den Tresen. Immer wieder. Bobby und andere Gäste im Bullet Haven beobachten das Spektakel entsetzt. Jaidens Nase ist gebrochen. Das Blut sammelt sich zu einem kleinen See auf der Ablage. "Na, erkennst du mich, du Mörder?" Jaiden schreit. "Ich rede mit dir!"
"Hallo ich rede mit dir!", sagt Jaiden plötzlich nachdrücklich. “Die Patronen!”
Kira wacht aus ihrem Tagtraum auf. Jaiden steht vor ihr, ohne Verletzungen. "Oh natürlich, tut mir Leid." Sie gibt ihm, wonach er verlangt und Jaiden geht rüber zum Schießstand. Bobby fragt Kira, ob alles in Ordnung sei. Er habe sie selten so abwesend erlebt. "Alles in Ordnung, ja.", sagt Kira, immer noch zerstreut.
Gute 45 Minuten ziehen ins Land, in denen sie nicht weiß was sie tun soll. Bis Jaiden seinen Slot beendet und den Laden schließlich durch den Seiteneingang verlässt.
Kira ist sauer auf ihre Tatenlosigkeit. Sie haut sich gegen den Kopf. “Wäre doch nur Detective Keller noch da…” Churro schnurrt in der Ecke. “Du hast Recht, Churro!” Kira greift instinktiv nach einer kleinen Pistole hinter dem Ladentresen und läuft Jaiden hinterher. In die Seitengasse, die zum Parkplatz führt.
"Hey, warten Sie." Jaiden dreht sich um. Kira hält die Waffe hinter ihrem Rücken und umklammert sie fest. Aber sie zögert. Sie wirkt wie eingefroren, unfähig die Waffe hinter ihrem Rücken hervorzuziehen. "Ahh, die Kleine von der Kasse?”, unterbricht Jaiden die Stille schließlich. “Na, ich hab's dir wohl ganz schön angetan, hm?" Er kommt ihr unangenehm nah und Kira weicht zurück. "Was denn? Immer noch so schüchtern. Na komm, ich helfe dir lockerer zu werden." Gerade als Jaiden versucht, sie zu packen, kommt auf einmal Churro angesprungen und kratzt ihm die noch narbenlose Wange auf. Jaiden schreit und greift nach seiner Waffe, lässt sie aber im Handgemenge mit Churro fallen. Blitzschnell tritt Kira die Waffe von ihm weg und zückt ihre eigene. "Keine… Bewegung. Ich...ich habe die Polizei gerufen. Sie müssen jeden Moment da sein.", lügt Kira. Jaiden lacht. "Die Polizei? Na gut, warten wir bis die Polizei kommt. Den Spaß lass ich mir nicht entgehen." Er holt eine Zigarette hervor und tastet seine Jackentasche nach einem Feuerzeug ab, da hält Kira ihm auf einmal das goldene Feuerzeug mit lodernder Flamme hin. “Aufmerksam”, sagt Jaiden, als er sich die Zigarette anzündet. "Erkennst du es nicht?", fragt Kira ruhig, aber innerlich aufgeregt. "Das ist dein Feuerzeug. Du hast es verloren...vor drei Jahren." Jaiden denkt nach. Plötzlich geht ihm ein Licht auf. Er erinnert sich an den Moment, als er das Feuerzeug damals auf die Hausveranda geworfen hat. "Woher hast du das?", fragt Jaiden skeptisch. "Ich habe es aufgehoben, damals, nachdem ich aus dem brennenden Haus geflohen bin. Dass du angezündet hast..." "Du! Du…lebst?” “Nein. Ich überlebe. Seit all den Jahren. Für diesen Moment.” Kira wirkt jetzt viel gefasster. Aber plötzlich lacht Jaiden laut auf. “Ha! Du hoffst auf Gerechtigkeit. Mädchen, sei froh, dass du überhaupt noch am Leben bist. Scheiße, hätte Enzo mich nicht abgehalten, würdest du jetzt neben deinen Eltern unter der Erde liegen. Denn hier in Blackridge herrscht meine Gerechtigkeit. Die Polizei gehört uns. Alles, was du siehst, gehört uns und jeder, der sich gegen uns stellt, stirbt. So wie deine Eltern." Kira richtet die Waffe noch akribischer auf Jaiden. "Sag mir, warum sie sterben mussten?"
"Du kanntest deine Eltern anscheinend gar nicht, Kleine. Du weißt also nicht, wer sie waren..." "Wer waren sie? Sag es!", schreit Kira ihn an. Tränen schießen ihr ins Gesicht. Für einen Moment sieht es so aus, als wolle er ihr die Wahrheit sagen. Doch er entscheidet sich dagegen: "Sie waren… wertloser Müll, der entsorgt gehört! Genau wie du!" In diesem Moment ertönt ein Knall! Ein Schuss hat sich gelöst, aus dem Lauf der Pistole, die Kira in ihrer Hand hält. Ein präziser Kopfschuss. Jaidens lebloser Körper fällt zu Boden.
Vor Schreck lässt Kira die Waffe fallen. Bobby kommt herausgeeilt. "Was...ist hier los?" Kira ist völlig aufgelöst. "Ich wollte das nicht, er...er hat mich bedroht." Kira umklammert Bobby. Er gibt ihr Halt. “Er war es! Jaiden. Er hat meine Eltern getötet und er wollte mich töten.” Kira wiederholt die Worte immer wieder.
Bobby mustert die Leiche. “Komm schnell.” Dann zieht er Kira hinein ins Bullet Haven und verriegelt die Hintertür. Auf dem Parkplatz, außerhalb der Sichtweite der Seitengasse, steht ein schwarzer Van. Da drin sitzen vier Gangster. “Scheiße, der Schuss war ganz schön nah.”, sagt einer und schaut mit einer bösen Vorahnung zu seinen Kollegen. “Kommt mit. Wir gehen nachschauen. Jaiden ist schon verdammt lange weg.”

KAPITEL VII: UNIT-1
“Also gut, der Laden ist geschlossen. Raus hier, los! Alle miteinander!”, ruft Bobby seiner Kundschaft zu, während er sich mit Kira hinter den Tresen begibt. “Was machst du, Bobby?” “Dieser Jaiden. Einer wie der ist nie alleine unterwegs. Jeden Moment werden seine Leute hier auftauchen und dann gibt’s ‘n scheiß Inferno!”
Bobby hat seine Gedanken kaum zuende gebracht, da fallen schon die ersten Schüsse. Spätestens jetzt verlassen die letzten Kunden fluchtartig den Laden. Bobby und Kira gehen schnell hinter dem Ladentresen in Deckung. Die Gangster haben die Tür zum Hinterhof zerschossen und eröffnen nun das Feuer. Bobby antwortet mit einem Maschinengewehr. Er schlägt sich gut, aber die Gangster haben Verstärkung gerufen. Auch durch den Vordereingang fallen nun bewaffnete Männer in den Laden ein. Bobby und Kira geraten zunehmend in Bedrängnis. "Scheiße, was hab ich getan?", fragt Kira panisch, während sie immer noch unterm Tresen lungert. Neben Bobby, der in Deckung gegangen ist, um die Waffe zu wechseln. "Das Schwein hat bekommen, was es verdient hat. Und jetzt hau hab, Sad. Ich kann dir etwas Zeit verschaffen." Er holt eine Granate unter der Theke hervor. "Was? Nein. Du kommst mit mir. Du musst mit mir kommen.", fleht Kira, aber Bobby duldet keine Widerrede. “Es war mir ein Vergnügen mit dir. Sad.” Kira weint. Bobby lächelt. Er wischt ihr mit väterlicher Fürsorge eine Träne von der Wange. “Und wieder machst du deinem Namen alle Ehre. Jetzt geh!” Er zieht den Sicherungsstift aus der Granate und nickt ihr ein letztes Mal zu. Dann lässt er die Granate in Richtung seiner Widersacher rollen, die daraufhin in Deckung gehen. Kira rennt gleichzeitig in die entgegengesetzte Richtung zum Seitenausgang des Bullet Haven. Mit der Explosion der Granate schießt Bobby hinter dem Tresen hoch, in der Hand die größte Waffe, die das Bullet Haven zu bieten hat. Er schießt wie ein Berserker und verschafft Kira die versprochene Zeit, bis er schließlich dem Kugelhagel seiner Gegner unterliegt.
Kira hat es geschafft zu fliehen. Sie hält sich in ihrem kleinen Apartment versteckt und weint in dem Wissen, dass Bobby gestorben ist, damit sie leben kann. Hätte sie Jaiden einfach ziehen lassen, dann wäre das nicht passiert. Genau wie damals. Hätte sie einfach ihren Helikopter zurückgelassen, dann wären ihre Eltern vielleicht noch am Leben. Sie gibt sich selbst das Versprechen, von nun an nur noch allein zu bleiben. “Damit niemand, der mir wichtig ist, je wieder wegen mir zu Schaden kommen muss. Zumindest kein Mensch.”, sagt sie und blickt zu Churro. “Wir beide werden es schaffen. Zusammen.” Eine eisige Kälte funkelt in ihren Augen, als wäre sie nun bereit, ihr Schicksal zu akzeptieren. In diesem Moment trifft sie eine Entscheidung. Kira kramt den kleinen, zerknüllten Zettel hervor, auf dem sie damals Jaidens Namen notiert hatte. Gefolgt von sechs Fragezeichen. Sie streicht “Jaiden” durch und ersetzt das folgende Fragezeichen mit dem Namen “Enzo”. “Die Nummer zwei auf meiner Liste.”, sagt sie, ehe sie sich wieder Churro zuwendet.
“Aber wenn wir es mit der ganzen Stadt aufnehmen wollen, brauchen wir die nötigen Mittel. Geld, Equipment, ein Netzwerk.” Sie greift erneut in ihre Tasche. Diesmal holt sie eine Visitenkarte heraus. Die Bobby ihr damals gegeben hat. Von Unit-1. Die Schlüsselkarte in die Welt der Auftragsmorde, der sie sich damals noch verwehrt hat. Doch nun gibt es kein zurück mehr. Sie ist bereit. “Sie werden alle dafür bezahlen. Für Bobby, für Detective Keller und für meine Familie.”
ENDE